Prager Frühling

„Jeder Panzer eine Faust, die in Bonner Pläne saust“

Von Reiner Burger, Frauenstein

Sowjetische Kettenfahrzeuge rollten durch Frauenstein

Sowjetische Kettenfahrzeuge rollten durch Frauenstein

21. August 2008 Kurt Fischer ist zwar schon lange in Rente. In seinem kleinen erzgebirgischen Heimatort Frauenstein direkt an der tschechischen Grenze heißt er aber noch heute der „Radio-Fischer“. Viele Jahre lang hatte Fischer ein Radiogeschäft. Im Frühjahr und Sommer 1968 saß er deshalb - zudem durch die Höhenlage Frauensteins begünstigt - direkt an der Quelle: Er konnte ohne Schwierigkeiten Radio- und Fernsehprogramme aus dem Westen empfangen. „Ich wusste alles über die Reformbewegung in der CSSR.“ Er sympathisierte mit der Idee eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“.

„Lasst uns in Frieden arbeiten“

Vielen dies- und jenseits der Grenze war klar, dass Sachsen wegen seiner geographischen Lage große Bedeutung für einen Einmarsch in die Tschechoslowakei hat. In Vejprty (Weipert), das gegenüber von Bärenstein liegt, malten Einwohner kurz vor dem Einmarsch Losungen wie „Wir stehen hinter Dubcek!“ oder „Lasst uns in Frieden arbeiten“. Die DDR-Staatssicherheit war im Rahmen einer Aktion mit dem Code-Namen „Sauberkeit“ schwer damit beschäftigt, solche „Hetzlosungen“ zu beseitigen. Illegal rückten Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi auf das Territorium des Bruderstaats vor, um etwa auf der tschechischen Seite von Sebnitz auf einem Dach „1939 Hitler - 68 Ulbricht“ zu überstreichen. An einem einzigen Augusttag hat die Stasi 28 Parolen auf tschechischem Gebiet entfernt, wie sie in ihren Akten zufrieden feststellte.

“Wir dachten, jetzt kommt der Dritte Weltkrieg“

"Wir dachten, jetzt kommt der Dritte Weltkrieg"

Bedrohlich näher rückendes Kettengerassel weckte Kurt Fischer in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968. Unter dem Fester seines Hauses in Frauenstein brüllten kurz darauf die Panzermotoren. Die Auspuffrohre stießen schwarze Rauchwolken aus. Die Ketten sprühten auf dem Kopfsteinpflaster Funken. „Wir dachten, jetzt schreiten auch die westlichen Alliierten ein, und jetzt kommt der Dritte Weltkrieg.“

Konterrevolution in der CSSR

Gemeinsam mit ihren treuesten Vasallen im Warschauer Pakt erörterte die sowjetische Führung unter Breschnew schon seit vielen Monaten den Plan, militärische Gewalt gegen die Tschechoslowakei anzuwenden. Doch zunächst setzte die Fünfer-Koalition aus Bulgarien, Polen, Ungarn, der DDR und der Sowjetunion auf Gegenpropaganda und massive Einschüchterung. Schon in dieser Phase spielte Sachsen eine wichtige Rolle: Im März 1968 fand in Dresden eine „Beratung der kommunistischen und Arbeiterparteien“ statt. Auf dem als ,Dresdner Tribunal' in die Geschichte eingegangenen Treffen wurden die tschechoslowakischen Reformer das erste Mal verwarnt.

DDR-Staatschef Ulbricht mahnte als Leiter der Sitzung: „Unser Todfeind, der Imperialismus, schläft nicht.“ Anders als die SED sei die tschechoslowakische KP ideologisch nicht gefestigt. Die SED habe aus dem 17. Juni 1953 gelernt. In Dresden legten sich die „Bruderstaaten“ darauf fest, dass in der CSSR eine Konterrevolution ausgebrochen sei, was schließlich im August als Begründung für den Einmarsch galt. „Die spätere Breschnew-Doktrin von der eingeschränkten Souveränität der sozialistischen Staaten wurde in Dresden erstmals offenbar“, sagt der Historiker Konstantin Hermann, der vor kurzem ein Buch unter dem Titel „Sachsen und der Prager Frühling“ veröffentlicht hat.

Missionsarbeit ohne Wirkung

Nicht nur bei Tschechen und Slowaken, sondern vor allem auch in der DDR fand der Versuch, einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zu schaffen, viele Sympathisanten. Aus Stimmungsberichten der DDR-Staatssicherheit geht hervor, dass die Staatsführung die Situation zunehmend als bedrohlich empfand. Wöchentlich bis zu 80.000 DDR-Bürger - so viele wie nie zuvor - reisten in die CSSR, um sich selbst ein Bild von den Veränderungen zu machen oder um sich mit Verwandten und Freunden aus der Bundesrepublik zu treffen. Verzweifelt versuchte die Staatsführung, den Besucherstrom zu begrenzen. Fahrten staatlicher Touristikunternehmen hatten kurzerhand als „ausgebucht“ zu gelten.

Dafür organisierten die SED und ihre Gliederungen seit Mai 1968 Reisen von Beobachtungs- und Agitationsdelegationen in die CSSR. Auch Mitarbeiter der Vereinigung Volkseigener Betriebe Polygraph in Leipzig schwärmten aus, um das Brudervolk wieder auf den rechten sozialistischen Weg zu führen. Doch die Missionsarbeit blieb ohne Wirkung. Schon im Juni stellte die SED den Agitprop-Tourismus deshalb fast vollständig ein.

Spott und Hohn für den Sender

Mehr als 2000 Panzer befanden sich auf dem Gebiet Sachsens

Mehr als 2000 Panzer befanden sich auf dem Gebiet Sachsens

Einen neuen Anlauf nahm die DDR mit dem Geheimsender „Radio Moldau“, der auf der Frequenz des Mittelwellensender Dresden-Wilsdruff sendete, die Besetzung der CSSR publizistisch flankieren sollte und als tschechoslowakischer Untergrundsender getarnt war. Die zentrale Botschaft von „Radio Moldau“ lautete ganz im Sinne der Ulbrichtschen Konspirations-Obsession: Die wahren Anstifter der „Konterrevolution“ sitzen in Bonn.

Doch auch weil die Hetzkampagnen in schlechtem Tschechisch und Slowakisch vorgetragen waren, hatten die meisten Hörer in der CSSR nur Spott und Hohn für den Sender übrig. Zur „Abrechnung“ mit den „Konterrevolutionären“ rief noch bis Mai 1969 auch die in Dresden hergestellte und in einem SED-Betrieb gedruckte Wochenzeitung „Zprávy“ auf.

Geballte Militärmacht

Ullmann fotografierte den Durchmarsch vorsichtshalber hinter der Gardine

Ullmann fotografierte den Durchmarsch vorsichtshalber hinter der Gardine

Sachsen diente den Invasoren nicht nur als Propagandadrehscheibe und Auf- sowie Durchmarschraum, sondern zudem als gigantisches Heerlager. Vom 18. bis 30. Juni 1968 fand unter anderem im Süden der DDR die gemeinsame Kommandostabsübung „Böhmerwald“ (Sumava) statt. Als sich im Juli dann immer deutlicher abzeichnete, dass die Sowjetunion mit Waffengewalt in der CSSR eingreifen würde, wurde in Sachsen eine geballte Militärmacht zusammengezogen.

Den Kern bildete die „Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland“ (GSSD); Ende Juli überschritten weitere Truppen von Polen kommend die Staatsgrenze der DDR. Bei einer Lageanweisung im polnischen Legnica (Liegnitz) teilte der Oberkommandierende der Vereinten Streitkräfte des Warschauer Vertrags, Marschall der Sowjetunion Ivan I. Jakubovskij, den Verbündeten mit, die Hauptaufgabe der anstehenden „Übung“ bestehe darin, „die Arbeiterklasse der CSSR vor der offenen Konterrevolution zu bewahren“.

Der NVA wies er unter anderem die Aufgabe zu, ihre 7. Panzerdivision nördlich von Bautzen zu konzentrieren, um sich dort für einen Einmarsch über Löbau und Zittau in den nordböhmischen Raum bereitzuhalten. Im Sommer 1968 befanden sich auf dem Gebiet Sachsens Zehntausende sowjetische Soldaten mit mehr als 2000 Panzern und rund 2000 Schützenpanzern. Hinzu kamen 18.000 NVA-Soldaten mit 500 Panzern.

Aus politischem Kalkül

Ulbricht drang darauf, dass die DDR in jeder Hinsicht an einer militärischen Operation gegen die „Konterrevolution“ in der CSSR beteiligt werde. Kurz vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen gab er in seiner Funktion als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrats der DDR einen entsprechenden Grundsatzbefehl. Lange war unklar, warum die Sowjetunion dann aber kurzfristig darauf verzichtete, die NVA einzusetzen. „Inzwischen steht fest, dass die Entscheidung in Moskau und nicht in Ost-Berlin gefallen ist“, urteilt Rüdiger Wenzke, Historiker am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam.

Weder Ulbricht noch Armeegeneral Hoffmann sind demnach an der Entscheidung beteiligt gewesen. Vielmehr hat Breschnew seine Militärs auf Bitten der Dubcek-Gegner Bil'ak und Indra kurzfristig angewiesen, bei der „Hilfeleistung“ keine ostdeutschen Truppen einzusetzen. Aus politischem Kalkül und Rücksicht auf die Geschichte sollten deutsche Soldaten nicht wieder in Prag einmarschieren - nur vereinzelt überschritten NVA-Soldaten in der Folge die Grenze. Gleichwohl leistete die NVA einen wichtigen Beitrag beim schnellen Vorrücken der sowjetischen Streitkräfte und bildeten nach Auffassung von Wenzke „einen integralen Bestandteil der völkerrechtswidrigen Militäroperation gegen den ,Prager Frühling'“.

„Hier kommen die Russen“

In Frauenstein dokumentierte Werner Ullmann den Durchmarsch sowjetischer Truppen mit einer alten Agfa-Kamera. „Es war kurz nach unserem Heimatfest“, erinnert sich Ullmann und blättert in seinem Album, in das er neben Familienbildern von Jugendweihen und Taufen auch Aufnahmen von allen großen Frauensteiner Ereignissen eingeklebt hat: eine umgestürzte Lokomotive auf der maroden und bald darauf geschlossenen Bahnlinie; meterhohe Schneetürme in einem besonders strengen Winter. „Hier kommen die Russen“, sagt Ullmann und zeigt auf Pionierpanzer und Bergungsfahrzeuge. Ullmann fotografierte den Durchmarsch der Sowjets vorsichtshalber vornehmlich hinter der Gardine versteckt vom Erker seines Hauses aus.

Kurt Fischer ist am 21. August auf dem Weg zur Post, als ihn ein sowjetischer Offizier auffordert, in seinen offenen Wagen einzusteigen, um ihn zur Grenze zu führen. „Zum Glück kamen zwei NVA-Soldaten vorbei, da konnte ich mich verdrücken.“ Wenig später errichteten Soldaten in der Nähe von Frauenstein ein Lazarett. Wie andere Handwerker wurde Fischer zu Hilfsdiensten herangezogen. Er reparierte gebrochene Kabel. „Einmal richtete ich ein Mikrofon für ein Sprechgerät, und da holte der Soldat aus der Tasche einen Orden. Seitdem bin ich Lenin-Orden-Träger.“ Ein Schmied baute aus Benzinfässern Öfen: unten drei Beine, in der Mitte ein kleines Türchen, oben das Abzugsrohr. Die Sowjets wollten sich für den Winter rüsten.

Doch nach nur knapp zwei Monaten waren die neuen totalitären Strukturen in der CSSR so weit errichtet, dass sich die Truppen auch aus Frauenstein wieder zurückziehen konnten. Wieder half dabei nicht nur die NVA intensiv - auch die Reichsbahn musste rund 240 Züge bereitstellen. Zwölf Straßen über das Erzgebirge mussten tagelang freigehalten werden. Zur Begrüßung der in Dresden stationierten sowjetischen Panzereinheiten gab die SED-Bezirksleitung einen Text für Sprechchöre auf dem Altmarkt aus: „Druschba - Druschba - Mir / Freunde seid willkommen hier / allen aggressiven Herrn / leuchtet der rote Stern / Jeder Panzer eine Faust / die in Bonner Pläne saust.“

(Siehe auch: Slideshow: Prager Frühling mit eigenen Augen)

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Werner Ullmann

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Nutzen Sie jetzt Ihr Sonderkündigungsrecht. Beim Wechsel Ihrer Kfz-Versicherung winken bis zu 500 € Ersparnis. Jetzt online vergleichen und gleich abschließen.

Blättern
ÜberKreuz

Kleine Kirchenkomödie

Von Reinhard Bingener

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche