Michail Fradkow

Putins weicher Saubermann

Von Markus Wehner, Moskau

Präsident Putin und Premier Fradkow (2002)

Präsident Putin und Premier Fradkow (2002)

01. März 2004 Als Wladimir Putin vor einem Jahr die russischen Geheimdienste reorganisierte und dabei die Steuerpolizei auflöste, schien das Ende der politischen Karriere von Michail Jefimowitsch Fradkow gekommen.

Der Mann aus der Wolga-Region Samara, der lange in der sowjetischen Außenhandelsbürokratie diente und es unter Boris Jelzin zum Handelsminister schaffte, hatte schließlich einen Apparat mit 40000 Mitarbeitern unter sich gehabt. Daß die Steuerpolizei flugs der neugeschaffenen Anti-Rauschgift-Behörde des Petersburger Putin-Freundes Viktor Tscherkessow unterstellt wurde, galt als Entmachtung, der neue Posten Fradkows als Botschafter bei der Europäischen Union in Brüssel als Ehrenverbannung. Nun kehrt der in Rußland fast unbekannte Beamte als Ministerpräsident nach Moskau zurück.

Überraschende Wahl

Handelsminister oder Mann im Sicherheitsrat, Chef der staatlichen Versicherungsanstalt oder oberster Steuerfahnder - je nachdem, welchen Abschnitt der Karriere Fradkows man auswählt, erscheint der fließend Englisch sprechende Oberst der Reserve als Bürokrat mit liberalen Zügen oder als Zögling der Sicherheitsschule, ein "weicher Saubermann", wie ihn der deutsche Rußlandkenner Alexander Rahr nennt. Putins überraschende Wahl hat gerade damit zu tun. Denn Fradkow ist einer, der den Geheimdienstleuten im Kreml paßt, ohne die Märkte und den Westen zu verschrecken. Nach einem kurzen Fall pendelten die Kurse an der Moskauer Börse am Montag wieder auf neutral. Als neutral, ja etwas farblos gilt auch Fradkow, eben ein Fachmann, wie er immer gebraucht wird. In den siebziger Jahren war er Handelsemissär an der russischen Botschaft in Indien, in der frühen, der liberalen Jelzin-Zeit Vertreter Rußlands bei der UN-Organisation Gatt in der Schweiz, dann stellvertretender Handelsminister unter Pjotr Awen, heute Chef der einflußreichen Alfa-Bank. Daß er nicht als Mann eines Oligarchen gilt, hat Fradkow die Karriere über den Wechsel von Jelzin zu Putin gerettet.

Der neue Ministerpräsident hat keine politischen Ambitionen. Er wird ein ausgesprochen technischer Regierungschef sein, der in Rußland - zumindest bei einem starken Präsidenten - ohnehin kaum mehr ist als ein oberster Wirtschafts- und Sozialminister. Wenn es Zeit wird, über die Nachfolge im Präsidentenamt nachzudenken, kann Putin ihn jederzeit auswechseln; ein potentieller Nachfolger ist Fradkow sicher nicht. Jetzt braucht ihn Putin, um die liegengebliebenen Reformen - die Kürzung des aufgeblähten Verwaltungsapparates, die Liberalisierung im Gesundheits-, Bildungs- und Wohnungswesen - durchzusetzen, gegen die Korruption anzugehen. Fradkow fällt dabei auch die Rolle als Sündenbock zu, der auf Popularität nicht angewiesen ist. Daß seine überraschende und als befremdend empfundene Ernennung mit den schlechten Beziehungen Rußlands mit der EU zu habe, glaubt man in Moskau nicht. Wenn man es im Westen glaubte, wäre es Putin wohl recht.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. März 2004
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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