Von Thomas Schmid
07. August 2006 Der Staat Israel hat im politischen Deutschland seinen verläßlichsten und stetigsten Verbündeten in Europa. Und es sieht ganz so aus, als entspreche dieser diplomatischen Festigkeit auch ein Gefühl bei der Mehrheit der Deutschen: Das Ja zum Existenzrecht des jüdischen Staates könnte ihnen mehr sein als nur ein Lippenbekenntnis. Und doch sieht es so aus, als fehle uns die Emphase im Umgang mit Israel. Daß sich dieser fast von seiner gesamten Umwelt abgelehnte und der Wüste abgetrotzte Staat nun schon seit fast 60 Jahren zu behaupten weiß, ist in Deutschland selten Anlaß zu Freude.
In der offiziellen Rede vom unbestreitbaren Existenzrecht des Staates Israel schwingt oft etwas Pflichtschuldiges mit - fast so, als hätten Deutsche nach dem von ihnen versuchten Genozid an den Juden Europas nun einmal keine andere Wahl. Es ist wohl nicht Freundschaft, die die meisten treibt. Das ist etwa daran zu erkennen, daß im öffentlichen Diskurs und vor allem im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die Opfer, die Israel zu verantworten hat, meist Priorität haben und die der Hizbullah oder der Hamas fast als Nebensächlichkeit erscheinen.
Ein Tabu beginnt zu fallen
Israel als Anomalie in der Region: Noch immer scheinen das etliche zu glauben. Wer so denkt, kommt oft fragend daher: mit der Frage, ob auf Dauer für den Staat der Juden an diesem geschichtsbeladenen Ort wirklich Platz sei, ob er hier wirklich eine Zukunft habe. Im Presseclub am vergangenen Sonntag warf sie der Moderator auf - gewappnet mit der Parole, man müsse doch, ganz im Sinne der Aufklärung, einmal fragen dürfen. Man spürte, daß hier ein Tabu zu fallen beginnt. So gestellt, scheint die Frage ihre Antwort gleich mitzuliefern, sie fällt negativ aus: Ein Staat, den keiner in der Umgebung will, der nur mit Hilfe der Vereinigten Staaten überleben kann und der kulturell wie politisch so aus dem Rahmen der Anrainer fällt, der wird sich doch nicht halten können. Er wird, vergleichbar dem Schicksal der DDR, am Ende eine Fußnote der Geschichte werden.
Es gibt viele Argumente, warum dem so sein müsse. Eines lautet, ein Staat, der eine Antwort auf den Holocaust darstelle, könne langfristig keine gesicherte Existenz führen; mit der unabwendbaren Historisierung des Genozids und dem Tod der letzten Leidenszeugen müsse er allmählich seinen Existenzgrund verlieren. Dieses - durchaus germanozentrische - Argument verfängt aber schon deswegen nicht, weil der Staat Israel seit 1882, also lange vor dem Holocaust, politisches Ziel von Juden gewesen war und weil die zionistischen Gründer lange vor dem Genozid an den Juden Europas so etwas wie eine jüdische Staatlichkeit organisiert hatten. Erst mit dem Eichmann-Prozeß 1961 rückte in Israel der Holocaust ins Zentrum der Aufmerksamkeit.
Israel als Vorposten Europas?
Andere Argumente gegen Israels Zukunft an diesem historischen Ort kommen geopolitisch oder kulturalistisch daher. Die Geschichte zeige, heißt es, daß dauerhaft umzingelte Staaten nicht zu halten seien. Und die Kulturalisten sagen, zwar sei es erfreulich, daß Israel eine mehr oder minder gut funktionierende Demokratie ist - aber genau deswegen habe der Staat auf längere Sicht keine Chance. Umgeben von den üblichen Autokratien und von wenig entwickelten Gesellschaften, welche die Vorteile von Zivilität, Rechtssicherheit und individueller Chancengleichheit noch nicht entdeckt hätten, müsse Israel ein Fremdkörper bleiben, der - leider - irgendwann abgestoßen werde.
Man könnte, wenn man nur wollte, diesem Argument auch eine andere, weniger pessimistisch-realpolitische Wendung geben. Da Demokratie und Frieden - wie fast ganz Europa aus jahrhundertelanger, im vergangenen Jahrhundert schrecklich beschleunigter Erfahrung weiß - stets bedroht, fragil und historisch höchst unwahrscheinlich sind, spräche doch viel dafür, die Ausdauer Israels und seiner Bürger als etwas Kostbares zu begreifen, Israel als einen Vorposten Europas zu sehen, der nicht dem Mahlstrom einer strauchelnden, autokratischen, vormodernen Umwelt überantwortet werden darf. Gut, daß ein anderer Staat, die Vereinigten Staaten, ohne zu schwanken, zu Israel steht und ihm hilft. Europa, hierbei von Deutschland geführt, hätte gute Gründe, dem mit Überzeugung nachzueifern.
Es gibt freilich ein weiteres Argument, das wirklich einen Schatten auf Israels Zukunft wirft. Der Historiker Tony Judt trägt es seit geraumer Zeit vor. Als Antwort zwar nicht auf den Holocaust, aber doch auf fast 2000 Jahre Diaspora und Paria-Existenz der Juden sei der jüdische Staat als potentielle Heimat aller Juden im Grunde ein ethnisch begründeter Staat - geschaffen Jahrzehnte nach der verlustreich gemachten Erfahrung, daß solche Staaten nicht friedlich in sich zu ruhen vermögen. Israel, sagt Judt, müsse sein Selbstverständnis revolutionär verändern. Sonst bleibe es, bei aller sonstigen Modernität, selbst ein Staat, der nicht ins postnationale und postethnische Zeitalter paßt. Doch da ist der Historiker vielleicht zu pessimistisch: Israel, dessen religiöse Eiferer immer mehr an Boden verlieren, hat sich auf den Weg in eine multiethnische Zukunft begeben.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.08.2006, Nr. 31 / Seite 8
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