Bad Hersfelder Festspiele

Lieber ins Kellerlokal als in den Ehekäfig

Von Hans Riebsamen

13. Juni 2008 Die dunkle Seite enthüllt sich in der Nacht. Je länger die Schatten in der Stiftsruine in Bad Hersfeld werden, je mehr sich Schwärze über die Festspiel-Bühne legt, desto mehr mutiert Doktor Jekyll zum mordenden Monster. Regisseur Frank Alva Buecheler, der das Musical „Jekyll & Hyde“ für die Bad Hersfelder Festspiele effektvoll eingerichtet hat, besitzt in der Nacht seinen besten Verbündeten. Die Dunkelheit, die spätestens von 21.30 Uhr an durch das offene Dach und die leeren Fensterhöhlungen kriecht, besitzt eine ähnliche Wirkung wie die Droge JH7, die der Arzt sich im Selbstversuch in die Venen spritzt, um das Böse in sich vom Guten zu separieren und möglichst zu vernichten.

Der Ehekäfig als ständige Drohung

Doch was wird aus dem Menschen, wenn er vollkommen gut geworden ist? Eine langweilige Ehefrau zum Beispiel, in die Jekylls Verlobte Lisa – von Annemieke van Dam bei der Premiere etwas zu farblos gespielt und stellenweise zu kreischend gesungen – sich wohl verwandelt hätte, wäre die Karriere ihres Verlobten weiter in bürgerlicher Bahn verlaufen. Der Ehekäfig wird von den Bühnenarbeitern in dieser Inszenierung in Form einer vergitterten Laube als Warnung immer wieder einmal auf die linke Seitenbühne geschoben.

Mister Hyde, das durch JH7 entfesselte Alter Ego, möchte nicht in diesem Gartenmöbel verschmachten, ihn treibt wissenschaftlicher Ehrgeiz in eine verbohrte Isolation, gefährliche Lust dagegen zu Lucy, der Hure aus dem Kellerlokal „Die Rote Ratte“. Immer, wenn Hyde eines der vielen Gerüste auf der Bühne hochsteigt, immer, wenn er in die Nähe des Rattenlochs kommt, droht Unheil.

Lucy, dargestellt von der famosen Maaike Schuurmans, lockt Sexualtiere wie Hyde mit dem Versprechen: „Zum Frühstück brauch’ ich jeden Tag ‘nen Mann.“ Mit ihrem obszönen Auftritt im Nachtlokal hat Schuurmans nicht nur den bis dahin noch nicht von schizophrenen Schüben geplagten Jekyll für sich eingenommen, sondern auch das Publikum.

Die ewigen Menschheitsfragen als Antrieb

Das Musical von Steve Cuden und Frank Wildhorn, das sich während der vergangenen zwei Jahrzehnte zu einem Welthit entwickelt hat, ist nicht so Ersatzkaffee-dünn wie viele seiner Geschwister. Denn es geht hier nicht zuletzt um die ewige Menschheitsfrage, warum diese Welt auch das Böse braucht. Die Hersfelder Antwort lautet: Damit man sehen kann, wie in der Brust des Hauptdarstellers Jan Ammann zwei Seelen sich bekriegen. Wie Ammann sich vom wissensgetriebenen Jekyll in den hormongetriebenen Hyde verwandelt, ist ein echtes darstellerisches Kunststück. Ammann krönt seine Leistung mit einem Duett, in dem er die Leiden und Lüste beider Protagonisten in einem Song interpretiert: Einige Takte Jekyll konterkarieren einige Takte Hyde.

Bad Hersfeld kann nicht mit der gigantomanischen Bühnenmaschinerie der Musical-Paläste vom Broadway bis Stuttgart aufwarten. Was hier an Schnürboden-Effekten nicht möglich ist, nämlich die Zuschauer dauernd neu zu verblüffen, muss durch überzeugende Inszenierung und Darstellerleistung geschehen. Das gelingt auch auch über weite Strecken.

In den besten Momenten der Aufführung, wenn etwa Chor und Nebendarsteller in einer präzise choreographierten Szene mit großformatigen Titelblättern der „Times“ den Schrecken der Großstadt-Massen über die nächtlichen Morde des Hyde und gleichzeitig die Lust an solchen Gräueltaten vortanzen und -singen, denkt man an die „Dreigroschenoper“. So genial wie dieses Meisterwerk von Brecht und Weill ist das „Jekyll & Hyde“-Musical zwar bei weitem nicht. Aber wer diese moderne Form der Massenunterhaltung mag, der wird sich von der einfallsreichen Inszenierung in Bad Hersfeld gruselig-gut unterhalten fühlen.

Weitere Aufführungen am 13., 15., 19., 22., 23., 26., 28. und 30. Juni sowie den ganzen Juli hindurch jeweils um 21 Uhr. Karten und Informationen unter www.bad-hersfelder-festspiele.de, Telefon 0 66 21/20 13 60.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 

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