Von Hans Riebsamen
19. Juni 2008 Es ist nicht die Nachtigall gewesen, wie Julia zu hören glaubte. Aber es war auch nicht die Lerche des Romeo. Hoch über den Köpfen der beiden Liebenden, die sich zum ersten Mal und nur in dieser einzigen Nacht gefunden haben, der Hochzeitsnacht eines verlorenen Paars, flog just in jenem Augenblick ein anderer Vogel über die Bad Hersfelder Stiftsruine. Eine schlafwandelnde Taube in jener Zwischenzeit, die den Übergang von der Dämmerung zur Dunkelheit bildet. Bei Shakespeare ist dieses Grau des Morgens Auge“, bei den traditionell um 21 Uhr beginnenden Aufführungen der Festspiele ein Künder der Nacht.
Ölfäser und Vorstadtmafiosi
Vielleicht war die Taube vom Leuchten der farbigen Wasserfontänen aufgeschreckt worden, die dem Liebespaar und den Zuschauern für wenige Momente ein Paradies vorgaukelten inmitten der von Mord und Geschlechterstreit zerrissenen Stadt Verona. Die alten Mauern der romanischen Kirche liefern für Shakespeares Tragödie Romeo und Julia“ ganz von alleine eine natürliche Kulisse. Doch Arie Zinger stellt seine gediegene, unspektakuläre Inszenierung nicht in ein historisches Verona, sondern in eine mit rotgestrichenen Ölfässern und Vorstadtmafiosi vollgestellte West Side. In seiner Story trägt das halbstarke Jungvolk der Capulets und Montagues modisches Schwarz mit Nieten und düst auf italienischen Motorrollern durch die Kulissen.
Ihre Kämpfe fechten sie aber weiterhin mit dem Degen aus. Nur im entscheidenden Duell macht es dreimal Peng, und von Pistolenschüssen getroffen haucht der finster-familienehrpusselige Thybalt des Patrick Rupar seinen Atem aus. Ansonsten ist es mit der Familienehre nicht weit her. Lady Capulet interessiert sich im Grunde nicht für ihre Tochter Julia, Wiebke Frost hüpft immer nur hysterisch durch die Kulissen als etwas platte Karikatur einer aufgedreht-geistlosen Vordertaunus-Gattin. Vater Capulet hingegen ist in der Darstellung des Michael Rastl ein Mann von bösem Format: zuerst nur ein kleiner Pate mit schmierigem Entertainer-Gestus, dann in einer schnellen Wende ein brutal-gemeiner Familientyrann, der die heiratsunwillige Julia bis aufs Äußerste demütigt.
Unkokette Unschuld und intellektuelle Allüren
Julia, das Kind, das, von der Liebe zu Romeo getroffen, zur liebenden Frau wird, die unbeirrt ihren Weg bis in in die Totengruft der Capulets geht. Erst vierzehn Jahre alt ist die Tochter der Capulets, selbst ihr Vater hält sie am Anfang noch für viel zu jung zum Heiraten. Marie Jung, die diese Julia spielt, ist schon“ 23 Jahre alt und verkörpert dennoch jene unkokette Unschuld, die manche Mädchen ganz natürlich auszeichnet. Die Schauspiel-Studentin am Max-Reinhardt-Seminar in Wien ist für diese Rolle gemacht, eine glaubhaft Liebende mit jugendlicher Anmut und ohne Falsch.
Und auch der Romeo des Florian Lüdtke, ebenfalls noch ein Schauspielschüler, besteht als ihr Herzensmann. Lüdtke pustet sich nicht auf als junger Held, gibt sich vielmehr anfangs als intellektueller Stutzer mit Buch und Brille und reift nach seinem Erweckungserlebnis auf dem Ball der Capulets – warum hat Regisseur Zinger diese zentrale Szene eigentlich auf die Seitenbühne verbannt? – zu einem wahren Liebenden.
Kürzungen sorgen für Kurzweil
Gewagt, wenn nicht gar verfehlt interpretiert Friedrich-Karl Praetorius die Rolle des Pater Lorenzo, der dem Paar den Ehesegen und Julia jenes Betäubungsmittel verschafft, das so fatale Wirkungen zeitigen wird. Der Franziskaner wird bei ihm zum schwulen Bruder, der manchmal wie ein Kuppler wirkt, auf jeden Fall nur wenig Heiliges an sich hat. Warum er Romeo und Julia zur Seite steht, bleibt sein Geheimnis. Dagegen tippelt Margit Carstensen als die alte Amme famos und unverwechselbar durch ihre Rolle.
Des jungen Paares Liebesglück entrolle nun in drei Stunden diese Bühne, verkündet der Prinz von Verona anstelle des vorgesehenen Chors zu Beginn der Vorführung dem Publikum. Woraufhin aus der Mitte der Vier-Mann-Kapelle gleich Protest kommt: Nein, nur zwei Stunden“. Die Kürzungen haben der Aufführung nicht geschadet, im Gegenteil für mehr Kurzweile gesorgt. Und die eigens für die Bad Hersfelder Festspiele von Laszlo Kornitzer erarbeitete Fassung ist für ein heutiges Publikum doch verständlicher als die berühmte Schlegel-Tieck-Fassung. Kenner müssen sich dennoch nicht sorgen: Auch bei Kornitzer bleibt die Frage offen, ob nun die Nachtigall oder die Lerche auf dem Granatbaum im Garten der Capulets gesungen hat.
Weitere Vorstellungen am 20., 24. und 27. Juni sowie den ganzen Juli hindurch um jeweils 21 Uhr. Karten und Informationen unter der Rufnummer 0 66 21/20 13 60 und im Internet unter der Adresse www.bad-hersfelder-festspiele.de.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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