Friedenspreis

Daniel Barenboim irritiert die Juden

Von Hans Riebsamen

„Kein Volk hat das Recht, Gebiete zu besetzen”: Barenboim

„Kein Volk hat das Recht, Gebiete zu besetzen”: Barenboim

07. Mai 2006 „Störrisch“ hat Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse in seiner Laudatio den Musiker Daniel Barenboim genannt: ein „störrischer und zugleich phantasievoller Humanist“ sei der neue Träger des Friedenspreises der „Geschwister Korn und Gerstenmann-Stiftung“. Mit dieser Kennzeichnung hat der SPD-Politiker eher unfreiwillig ins Schwarze getroffen, denn der Geehrte erwies sich in seiner Dankesrede tatsächlich als störrisch und phantasievoll.

Störrisch insofern, als er im Ignatz-Bubis-Zentrum der Jüdischen Gemeinde im Frankfurter Westend mit seiner Kritik an Israel wider die Erwartungen eines gut Teils der Zuhörer sprach und manchen damit irritierte, gar verärgerte. Phantasievoll, indem er die 50.000 Euro Preisgeld nicht selbst einsteckte - das hatte ohnehin niemand geglaubt.

Aber auch nicht dem von ihm und dem verstorbenen palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said 1999 ins Leben gerufenen, aus arabischen und israelischen Musikern bestehenden „West-Eastern-Divan-Orchestra“ zur Verfügung stellte. Nein, Barenboim will die Summe zur Gründung eines Instituts einsetzen, das die arabische Musik erforschen soll.

Grenzüberschreitungen

Die wenig bekannte Musik, wie sie etwa in den Dörfern der arabischen Welt gespielt wird, zu sammeln, solle eine der Aufgaben des Instituts sein, erläuterte der Chef der Berliner Linden-Oper seine Idee. Wenn es einen gerechten Frieden geben solle zwischen Israelis und Palästinensern, müßten beide Seiten den anderen und dessen Kultur besser kennen, lautet eine der Grundüberlegungen Barenboims. „Aber welche Neugier haben wir für die östliche Seite des west-östlichen Divans gezeigt?“ fragte der 1942 in Buenos Aires geborene und 1952 mit seiner Familie nach Israel übergesiedelte Musiker. „Sehr geringe“, lautete seine Antwort.

Doch Barenboim beließ es nicht bei dieser zurückhaltenden Selbstkritik eines Israelis an seinem Land. Er beklagte unverholen, daß der Judenstaat sein früheres Profil verloren habe: Jeder habe damals das Gefühl gehabt, er arbeite für sein Land und zugleich für sich selbst. Dies habe sich geändert. Das jüdische Volk besitze nicht mehr im alten Maße seine moralische Kraft, man lasse dieses Kapital zerrinnen. Israel besitze - vorsichtig ausgedrückt - einen kleinen Teil der Verantwortung für den Nahost-Konflikt: „Kein Volk hat das Recht, Gebiete zu besetzen.“

Von „Grenzüberschreitungen“ hatte Salomon Korn, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde und Vorstandsmitglied der Stiftung - mit dem Preisstifter ist er nicht verwandt -, in seiner Begrüßungsrede gesprochen. Barenboim habe im Laufe seines Lebens immer wieder solche Grenzüberschreitungen gewagt, und zwar in der Musik wie auch in seinem politischen Handeln.

Verbesserung des Bestehenden

Wie Korn, der bei der Israel-Geburtstagsfeier seiner Gemeinde volle Solidarität mit Israel eingefordert hatte, die Worte des von ihm mitausgewählten Preisträgers wohl aufgenommen hat? Barenboims Engagement etwa für das israelisch-arabische „West-Eastern-Divan-Orchestra“ gründe in der Überzeugung, nur durch das Aufbrechen starrer Strukturen einen Wandel und damit vielleicht eine Verbesserung des Bestehenden erreichen zu können, hatte Korn zu Beginn der Preisfeierlichkeiten analysiert.

Der Geehrte hat daraufhin in der Tat feste Überzeugungen vor allem seiner jüdischen Zuhörer in Frage gestellt, insbesondere die Überzeugung, daß das bisherige Scheitern des Friedensprozesses einzig den Palästinensern anzulasten ist. Doch ob Barenboim damit Meinungen gewandelt, gar eine Verbesserung erreicht hat? Viele der Zuhörer haben das nachher bezweifelt und einige sich sogar wütend beklagt, Barenboim habe größtenteils Unsinn geredet.

Die Geschwister Abraham Korn und Rose Gerstenmann, die ihren Friedenspreis in Erinnerung an die im Alter von einem Jahr im Konzentrationslager Majdanek ermordete Tochter Roses, Sarah Gerstenmann, gestiftet haben, können sich zu Barenboims Rede nicht mehr äußern, sie sind vor Jahren gestorben. Doch sie hätten, davon ist der Immobilienkaufmann Josef Buchmann, auch ein KZ-Überlebender, überzeugt, es nicht gutgeheißen, daß ihr Preisgeld zur Gründung eines Instituts zur Erforschung arabischer Musik verwendet werde. Aber wer weiß das schon genau?

Text: F.A.Z., 08.05.2006
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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