Einstürzende Neubauten

Schamanen der Moderne

Von Norbert Krampf

14. Mai 2008 In ihrer 28 Jahre währenden Bandgeschichte haben sich die Einstürzenden Neubauten nie auf dem Erreichten ausgeruht. Zwischen den Anfängen als wilde, von Punk beeinflusste Provokateure und den klug ausgefeilten Produktionen der letzten Jahre liegen musikalische Welten, jedoch kein Verrat an den eigenen Idealen. Für Blixa Bargeld, den Sänger, Texter und „Kopf“ der Band, ging es immer um engagiertes, nicht affirmatives Entertainment.

Das irritierte auch mal durch die Devise „Höre mit Schmerzen“. Bis heute nutzen die Perkussionisten der Gruppe Stahlfedern und Blech, Plastikröhren und anderes tauglich gemachtes Fremdmaterial, um charakteristische Soundfacetten der Neubauten zu erzeugen. Kompositionen und Songtexte sind hingegen längst durchzogen von einer ebenso konsequenten Detail- und Tiefenschärfe.

Depeche Mode von den Neubauten beeinflusst

Schon lange sind die Neubauten ein Synonym für extreme Dynamik, die sich aus dem intensiven Wechsel von Lärm und Ruhe speist. Ihre letztjährige grandiose CD „Alles wieder offen“ lotet diese Kontraste erneut lustvoll und entschlossen aus. Schon das erste Stück, „Die Wellen“, steigert sich in vier Minuten von minimalistischen Tönen zu einem unvergleichlichen Tsunami-Crescendo aus Klavier-Stakkatos und Beats, Bass-Riffs und Streichern, über denen Bargeld mit der Dringlichkeit eines Hohepriesters seine Poesie vorträgt. Selbstverständlich verzichtet das Sextett im Konzert darauf, die auf der Bühne fehlenden Instrumente durch Samples zu ersetzen. Manche opulente Klangfülle der Studioproduktionen weicht live einer gezielten Reduktion auf Rhythmen und essentielle, umso stärker akzentuierende Klänge.

Eine prägnante Rolle spielt Bassist Alexander Hacke, dem meist wenige Noten genügen, um eine Melodie zu tragen oder einen ganzen Song in Lauerhaltung zu versetzen. Jochen Arbeit konzentriert sich auf stehende und flächige Töne und ignoriert die vordergründige Rolle des klassischen Rockgitarristen. Deutlich präsenter, zuweilen auch theatralischer agieren die Perkussionisten N.U. Unruh und Rudolf Moser. Obwohl das Tempo der Stücke oft eher gebremst ist und die Schlagwerker zuweilen ganz pausieren, laden ihre Beats die dunkle Musik mit der rauschhaften Energie archaischer Rituale auf. In narkotisierenden Rhythmen und massiven Breaks vereinen Unruh und Moser folkloristisch-tribalistische Erdung mit futuristischer Industrialästhetik.

Nicht umsonst bezogen sich sogar Bands wie Depeche Mode auf den singulären Sound und wegweisenden Stilwillen der Einstürzenden Neubauten. Über die präzisen Arrangements erhebt sich Bargelds gravitätische Stimme. Charismatisch und variabel raunt und ruft, deklamiert und dramatisiert er, wie ein Schamane der Moderne, der unausweichlich in seinen Bann schlägt. Spitze Schreie fahren ins Mark, ploppende Mundperkussion lässt er durch eine Loopmaschine zirkulieren. Mehrfach folgen ihm Gesänge der Musiker, formieren sich zu versetzten, insistierenden Chorsätzen. Dabei bewegt sich die Band in einem intelligent ausgeleuchteten Bühnenbild, mal in strahlendes oder fahles Weiß getaucht, mal durch eine einzige Farbe illuminiert.

Ungebrochen widerständiger Geist

Von jeher reflektierten die Alben der Neubauten gesellschaftliche Zustände und Zeitgeschehen. Mit zunehmend nuancierten Kompositionen geht eine Verdichtung der Songtexte einher. Aktuell wirkt Bargelds hintersinniger Wortwitz als beglückendes Antidot gegen allgegenwärtige geistige Magersucht. Zeilen wie „Lass dir nicht von denen raten, die ihren Winterspeck der Möglichkeiten längst verbraten haben“ manifestieren einen ungebrochen widerständigen Geist.

Selbst wenn Blixa Bargeld gelegentlich Bezüge zur eigenen Geschichte herstellt, lebt die Band nicht in einer nostalgischen Zeitschleife. Stattdessen strahlen die Einstürzenden Neubauten souveräner denn je subversive Aufrichtigkeit aus und sind weiterhin Deutschlands führende Rock-Avantgarde.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Michael Kretzer

 
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