Von Michael Hierholzer
19. Juni 2008 Der Kulturdezernent hat Wort gehalten: Noch vor der Sommerpause, hatte CDU-Stadtrat Felix Semmelroth versprochen, wolle er einen Nachfolger für Udo Kittelmann benennen. Nun ist es eine Nachfolgerin geworden. Die 1967 geborene Kunsthistorikerin Susanne Gaensheimer soll den amtierenden Direktor des Frankfurter Museums für Moderne Kunst (MMK) beerben. Dieser geht voraussichtlich im November in die Bundeshauptstadt, um gemeinsam mit Michael Eissenhauer, derzeit noch Chef der Staatlichen Museen in Kassel, eine Doppelspitze zu bilden und als einer von zwei Generaldirektoren der Staatlichen Museen zu Berlin die Alte wie die Neue Nationalgalerie zu leiten.
Vorgänger Kittelmann scheidet nicht ohne Grollen
Für diese Position war auch Max Hollein, Direktor von Schirn Kunsthalle, Städel und Liebieghaus im Gespräch, er verzichtete aber letztlich ebenso auf diesen Posten wie auf die Stelle des Direktors des Kunsthistorischen Museums in Wien, die ihm kürzlich angetragen worden war. Hollein ließ verlauten, lieber in Frankfurt zu bleiben, um hier vor allem den Erweiterungsbau des Städel-Museums vorantreiben zu können. 2010 oder 2011 soll das neue Gebäude eröffnet und mit Werken aus der teilweise dem Ausstellungshaus überlassenen Sammlung der DZ Bank sowie mit Arbeiten aus der Kollektion der Deutschen Bank bestückt werden.
Kittelmanns Abschied von Frankfurt hat aber unter anderem auch damit zu tun, dass ihm vor allem die einer Schenkung gleichkommende Übergabe von Werken der Fotokunst aus der DZ Bank an das Städel ein Dorn im Auge ist. Während Hollein klar formulierte, er wolle künftig wieder verstärkt der Aufgabe nachkommen, Gegenwartskunst zu sammeln, zumal dies seit der Gründung des Hauses diesem auferlegt sei, forderte Kittelmann von der Stadt ein Konzept, welches Museum in Frankfurt sich künftig welcher Kunst zu widmen habe. Viele Künstler, von denen Hollein Werke kaufe, gehörten ins MMK, weil Arbeiten von ihnen ursprünglich dort präsentiert worden seien.
Die kulturpolitisch Verantwortlichen sahen freilich keine Notwendigkeit, Vorgaben zu machen, und freuten sich vielmehr darüber, dass es Hollein gelungen ist, wertvolle Bestände aus Firmenbesitz für ein Frankfurter Museum zu sichern. So scheidet Kittelmann im Unmut über die Situation der Kunst in Frankfurt und hinterlässt gewiss auch ein paar offene Fragen, was den Kurs des MMK in Zukunft angeht.
Städtischer Zuschuss für MMK erhöht sich um 220 000 Euro im Jahr
Immerhin hat der Kulturdezernent mit der Entscheidung für Susanne Gaensheimer, die im Augenblick Leiterin der Sammlung für Internationale Gegenwartskunst und Kuratorin in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München ist, jetzt allen Spekulationen eine Absage erteilt, das MMK werde womöglich seine Selbständigkeit verlieren, gar dem Holleinschen Museumsimperium einverleibt.
Auch hat der Stadtrat ein Zeichen für solide Museumsarbeit und wissenschaftliche Fundierung gesetzt. Schließlich ist Susanne Gaensheimer promovierte Kunsthistorikern, hat den Westfälischen Kunstverein geleitet und kann auf sieben Jahre Erfahrung in einer städtischen Kulturinstitution zurückblicken. Dies mache sie in besonderer Weise für die Leitungsposition im MMK geeignet, sagte Semmelroth gestern. Und auch die designierte MMK-Chefin äußerte, das Arbeiten innerhalb eines städtischen Gefüges sei ihr vertraut, was ihr sicherlich auch bei ihrer neuen Aufgabe zugutekomme. Wie aus dem Kulturdezernat verlautete, soll das Museum für Moderne Kunst als eigenständige Einrichtung sogar noch gestärkt werden. So erhöht sich der städtische Zuschuss für das Haus um 220 000 Euro im Jahr.
„Die Situation der Museen in Frankfurt ist mir sehr bewusst“
Einen nahtlosen Übergang wird es wohl nicht geben, weil die Kunsthistorikerin ihren Vertrag in München nicht so schnell wird auflösen können. Anfang 2009 jedoch will sie ihren Posten in Frankfurt antreten. „Die Situation der Museen in Frankfurt ist mir sehr bewusst“, sagte sie gestern auf Anfrage. Auch was die starke Stellung Holleins angehe. Sie schätze seine Arbeit jedoch sehr und werde bald das Gespräch mit ihm suchen. Sicherlich gebe es eine gewisse Konkurrenz, dies sehe sie aber überhaupt nicht negativ, vielmehr sei es als Chance zu begreifen. Auch in München ließen sich Überschneidungen beim Sammeln von zeitgenössischen Kunstwerken nicht vermeiden, mehrere Häuser sammelten moderne Kunst, aber in München wie in Frankfurt seien doch die Ausrichtungen der Museen jeweils ganz unterschiedlich.
„Ich glaube, dass die Leute in Frankfurt das MMK schätzen und auch den Unterschied zwischen MMK und Städel sehen“, führte Gaensheimer aus. Von ihr ist, wie ihr Wirken in München nahelegt, eine Konzentration auf die Sammlung und deren Vermittlung zu erwarten. Sie steht für eine fundierte Museumsarbeit, in der es immer auch um wissenschaftliche Fragestellungen geht. In Frankfurt hatte sie schon öfter zu tun, weil sie zum Beratergremium gehört, das die Kunstsammlung der Deka-Bank aufbaut.
Nun muss der Magistrat dem Vorschlag des Kulturdezernenten zustimmen. Dieser hat gestern geäußert, die Kandidatin sei „hoch qualifiziert als Ausstellungsmacherin“ und habe „in der Kunstszene einen hervorragenden Ruf“. Und außerdem: „Ihre präzisen Ideen für die zukünftige Ausrichtung des MMK sind sehr überzeugend.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa