Kulturtage der EZB

Einheit wird durch Vielfalt schön

Von Christoph Schütte

07. Mai 2008 London. Ganz bestimmt. Oder doch Berlin? Madrid? Vielleicht Paris? Auch dort trägt man solche schicken Sonnenbrillen oder die Handtäschchen mit den drei Streifen. Auch dort trinkt man unterwegs ein Fläschchen Wasser von Vittel, hat einen Knopf im Ohr für die Musik und einen Ring im Nabel und telefoniert an jeder Kreuzung mit dem Liebsten, dem Pizzaservice oder auch der Frau Mama.

Die einzelnen Arbeiten von Reinier Gerritsens Fotoserie „The Europeans“, die derzeit im „Atelierfrankfurt“ (Hohenstaufenstraße 13–25) zu sehen ist, zeigen stets eine Gruppe Wartender irgendwo in einer Hauptstadt des zusammenwachsenden Europa. Doch anstelle des Flairs der Städte und ihrer unterschiedlichen Kulturen begegnet der Betrachter Menschen, die in jeder dieser Metropolen ihr Zuhause haben könnten.

Annäherung und Alltag der Europäer

Das mag ästhetisch und konzeptuell auf den ersten Blick ein wenig an die Arbeiten Beat Streulis erinnern. Als Auftakt zu der Ausstellung „(dis)simile – Fotografien aus Europa“ freilich ist die Serie des 1950 geborenen niederländischen Fotokünstlers mit Bedacht gewählt: als Bild für die Annäherung, das allmählichen Zusammenwachsen der Europäischen Union und des Alltags ihrer Menschen. Und wenn dem Betrachter gleich um die Ecke auf den Aufnahmen Dinu Lazrs Männer begegnen, die im schwarzen Anzug und mit Hut in irgendeiner Einöde auf ihren Koffern sitzen, wenn hier noch Tradition und dort schon westliche Moderne das Bild bestimmen, dann ist das Spannungsfeld umrissen, das diese Ausstellung zusammenhält.

Dabei verweigert sich die im Vorfeld der Kulturtage der Europäischen Zentralbank eröffnete Schau bewusst dem Anspruch auf Vollständigkeit. Der kulturellen Vielfalt in der Einheit aber, die die EZB ihren in diesem Jahr allen Mitgliedstaaten der Union gemeinsam gewidmeten Kulturtagen als Motto gleichsam mitgegeben hat, werden die von Heike Sütter und Corinna Thiele ausgewählten fotokünstlerischen Positionen exemplarisch gerecht. Indem sie sie zeigen oder, ganz im Gegenteil, scheinbar dementieren.

Während Dinu Lazr mit einem am Film geschulten Blick die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen zum Hauptthema seiner sämtlich in der rumänischen Heimat des Künstlers entstandenen Bilder macht, verfolgt der Salzburger Fotograf Kurt Kaindl einen geradezu klassisch dokumentarischen Ansatz. Seit Jahren schon reist er mit dem Publizisten Karl-Markus Gauß quer durch Europa zu den ethnischen Minderheiten des Kontinents, fährt zu den Memeldeutschen in Litauen, den Sorben in der Lausitz und den Sefarden Sarajevos, zu den Gottscheern in Slowenien und den Arbereshe in Kalabrien.

Fragen nach Authentizität und Simulation

Spektakulär mag man diese Fotos von Alltag, Festen und Familie kaum nennen, ist doch das, was sie zeigen, im Grunde frei von Exotismus und ganz und gar banal. Doch mit ihren wunderbaren Schwarzweißaufnahmen dokumentiert Kaindls Fotoserie „Die unbekannten Europäer“ nicht nur die Selbstbehauptung der Minderheiten im vereinten Europa, sondern deutet ganz am Rande auch ihr Scheitern an, beides freilich ohne falschen Ton und auf gänzlich unpathetische Weise.

Im Gegensatz zu den Arbeiten Kaindls ist die Vorgehensweise Krisztina Erdeis und Päivi Eronens von künstlerischen Überlegungen im engeren Sinn bestimmt. Die in Budapest lebende Erdei komponiert ihre aus je zwei Aufnahmen bestehenden Bildpaare nach formalen, sich eher assoziativ erschließenden Korrespondenzen. Indem sie Posen, Gesten und Straßenszenen mit der Bildsprache der Werbung konfrontiert, stellt sie mit verblüffender Beiläufigkeit noch einmal eine ganze Reihe großer Fragen nicht nur der Fotografie: die Fragen nach Realität und Fiktion, Authentizität und Simulation, Bild und Abbild, kurzum die Frage nach dem Simulacrum im Sinne Baudrillards. Und immer wieder und keineswegs zuletzt fragt Erdei auch nach dem gesellschaftlichen Bild der Frau. Derweil kreisen „Die Badenden“ der finnischen Künstlerin Päivi Eronen um ein in der Kunstgeschichte vielfach variiertes Thema.

Und obwohl sie im Grunde nichts als entspannten Alltag zeigen, eine Schwitzhütte etwa, Frauen mit Skimütze im Eisloch oder beim Moorbad in weiter, unberührter Natur, keine dramatischen oder im engeren Sinn mythologischen Szenen also, sondern ganz normale Menschen, mag man diese Fotos durchaus allegorisch lesen. Zwingend freilich ist das nicht. Kaum ein anderer der in dieser überzeugenden Ausstellung zu sehenden Künstler aber zeigt so genuin malerisch gedachte, von Kunst und Alltag gleichermaßen inspirierte Bilder.

Die Ausstellung im „Atelierfrankfurt“, Hohenstaufenstraße 13–25, ist bis zum 7. Juni donnerstags und freitags von 17 bis 20 sowie samstags von 15 bis 18 Uhr geöffnet.



Text: F.A.Z.

 

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