Letzte Spielzeit unter Schweeger

Die Fledermaus im Schauspielhaus

Von Michael Hierholzer

29. April 2008 Spät ist sie in Frankfurt angekommen. Aber immerhin. Nun jedoch ist schon der lange Abschied angebrochen: Gestern hat Schauspiel-Intendantin Elisabeth Schweeger das Programm ihrer achten und letzten Spielzeit im Schatten der Bankentürme vorgestellt. „Hin und weg!“ ist das Motto. Es gehe um das „Dazwischen“, sagte sie, um den Übergang.

Wohl auch um den eigenen. Schweegerdämmerung. Wohin die Reise für sie geht, weiß sie offenbar selbst noch nicht. Dass sie Sympathien für die Stadt entwickelt hat, mit der sie zunächst so viele Schwierigkeiten hatte, gibt sie mittlerweile gerne zu Protokoll. Für deren philosophische und literarische Traditionen hatte sie ohnehin schon immer ein Faible. Und längst haben ihre Spielpläne das allzu Schroffe verloren, das man ihnen im ersten und auch noch im zweiten Jahr durchaus vorwerfen konnte.

Neue Besucherschichten erschlossen

Seit einiger Zeit spielt Goethe eine entscheidende Rolle im Programm des Hauses. Auch die Saison 2008/2009 wird mit einem Werk des Frankfurter Weltliteraten eröffnet: Urs Troller inszeniert „Torquato Tasso“, Premiere ist am Geburtstag des Dichterfürsten, dem 28. August. Überhaupt gab es in den vergangenen Jahren eine verstärkte Hinwendung des Schauspiels zu den Klassikern.

Bei gleichzeitiger Abkehr von der früher üblichen Vernuschelung des klassischen Textes. Die Bildungsaufgabe auch des Frankfurter Theaters ist zusehends in den Mittelpunkt gerückt. Und Schweeger hat neue Besucherschichten für das Schauspiel erschlossen: Von 60 auf 40 Jahre ist das Durchschnittsalter des Publikums während ihrer Intendantenzeit gesunken. Die Auslastung des Hauses liegt bei 74 Prozent.

Schmidtstraße 12 wird wieder zur Lagerhalle

Bei der Vorstellung des Spielplans kam auch zur Sprache, dass die experimentelle Spielstätte des Theaters in der Schmidtstraße keine Zukunft hat. Der neue Intendant Oliver Reese will diese Off-Einrichtung nicht weiterführen, in der sich lange Armin Petras getummelt hat, jetzt Intendant des Gorki-Theaters in Berlin. Florian Fiedler, der noch eine Saison lang das künstlerische Sagen weitab von der Innenstadt hat, kündigte an, das Gebäude im Lauf der nächsten Saison allmählich wieder in das zu verwandeln, was es einmal war – eine Lagerhalle. Dieses Mal aber soll dort ein „Deutschlandarchiv“ Einblick in deutsche Mythen, Märchen und den in ausländischen Augen so raren Humor „Made in Germany“ geben.

Elisabeth Schweegers Stimmung war, als sie ans Haus kam, kämpferisch, schließlich fand die neue Leiterin des Schauspiels ein kulturpolitisches Schlachtfeld vor, auf dem ständige Scharmützel wegen des lieben Geldes und der leidigen Konkurrenz zwischen Sprechtheater und Oper an der Tagesordnung waren. Zudem verstörte ihr Anspruch, in einem ziemlich strengen analytischen Sinn die Tradition zu befragen, einen Teil des konservativeren Publikums. Gerade wegen des Denkens von Adorno bis Habermas und der vielen anderen kritischen Geister, die in Frankfurt einer Ästhetik des Brüchigen, des Fragments das Wort redeten, meinte die theoretisch versierte Theatermacherin, die Besucher mit den spröden Entzauberungen der späten Moderne konfrontieren zu können.

Ruhe an der Finanzierungsfront

Es kam nicht so recht an. Aber die Spielpläne wandelten sich, wie auch rasch Ruhe an der Finanzierungsfront eintrat: Die neuen Intendanten, Schweeger am Schauspiel, Bernd Loebe an der Oper, arrangierten sich. Dass ausgerechnet Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ mit ihrer klaren Botschaft, ihrem verhaltenen Zynismus und ihren flotten Songs zu einem der größten Erfolge von Schweegers mit avantgardistischem Eifer begonnener Intendanz wurde, ist eine ironische Pointe.

Karin Neuhäuser spielte in André Wilms Brecht-Inszenierung eine tragende Rolle: ihre Mrs. Peachum sorgte für ungetrübtes Vergnügen. Aber sie machte auch als Regisseurin von sich reden. Ihre „Orestie“ wurde zum Theaterfestival nach Epidauros eingeladen. Nun bringt sie im Großen Haus „Die Fledermaus“ auf die Bühne. Am 24. Oktober wird die Operette von Johann Strauß mit singenden Schauspielern, wie aus der „Dreigroschenoper“ bekannt, Premiere haben.

Kleists Molière-Bearbeitung „Amphitryon“ in der Regie von Florian Fiedler steht ebenso auf dem Spielplan wie „Kasimir und Karoline“, ein „Volksstück“ von Ödön von Horváth in einer Inszenierung von Simone Blattner, und Tschechows „Kirschgarten“, für den ebenfalls Urs Troller als Regisseur gewonnen werden konnte. „Schwarz Gold Rot“ ist der Titel einer „Deutschland-Trilogie“, die Peter Kastenmüller einrichtet und in der drei politische Romane aus der Bundesrepublik theatralisch aufbereitet werden: „Das Treibhaus“ von Wolfgang Koeppen, „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Heinrich Böll und „Teil der Lösung“ von Ulrich Peltzer.

Ära Schweeger endet mit „Herz Stück“

Die Ära Schweeger endet im Großen Haus mit einem „Herz Stück“ von Wanda Golonka, an dem das gesamte Ensemble beteiligt ist. Im Kleinen Haus setzt das Schauspiel vor allem auf junge Autoren, bietet aber auch Stücke von Brecht, Elfriede Jelinek, Eugene O’Neill und Shakespeare. „Warum wir also hier sind“ von Michael Lentz wird als Uraufführung gezeigt. Eine Bühnenfassung von „Ich bin dann mal weg“ steht, wiewohl der Titel gepasst hätte und Buch-Adaptionen im Theater groß in Mode sind, nicht auf dem Programm.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, F.A.Z. - Frank Röth

 
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