Konzertkritik

Gepflegt gemütlich

Von Michael Köhler

02. Mai 2008 Die sorgsam inszenierte Wohnzimmeratmosphäre suggeriert lauschige Gemütlichkeit: Zwei Lehnsessel, drei Kommoden, vier Beistelltische, fünf Hocker und acht Nachttischlampen dienen als reizvolle Kulisse für ein Gastspiel der etwas anderen Art. Unter dem sinnigen Motto „lautlos“ präsentiert Österreichs derzeit einzig erfolgreicher Pop-Export Christina Stürmer Bekanntes und Beliebtes nach dem Vorbild der einst erfolgreichen MTV-Reihe „Unplugged“. Doch während im Heimatland sämtliche Konzerte der 25 Jahre alten Sängerin komplett ausverkauft waren, bleiben in der Frankfurter Alten Oper ganze Sitzreihen leer.

Inflationär oft beehrte Christina Stürmer in den vergangenen Jahren Deutschland mit Tourneen. Fünf sich gut absetzende Studioalben veröffentlichte die aus Altenberg bei Linz stammende Musikerin, seit sie sich 2003 auf Rang zwei der österreichischen Casting-Show „Starmania“ plazierte. Die drei jüngsten Werke entwickelten sich – trotz auffallend ähnlicher Machart – auch im deutschsprachigen Ausland zu Verkaufsrennern. Da kann ein kleiner Ausbruch aus beruflicher Routine wohl nicht schaden. Selbst wenn böse Zungen behaupten, dass filigrane Akustikversionen des gängigen Repertoires lediglich dazu dienen, um die Ware Song nach der Konzert-CD geschäftstüchtig ein drittes Mal auszuwerten.

Lagerfeuer-Romantik und Country-Gefilde

Keine Frage, Stürmer und ihre vier Musiker scheuen keinerlei Anstrengungen, um sich zu profilieren. Lockeres Geplauder unterstreicht den betont legeren Charakter einer Veranstaltung, die im strikten Ablauf aufwendiger Hintergrundprojektionen nur wenig Spontaneität zulässt. Es ist, als säßen gute Freunde beieinander, um zu klönen und zu musizieren. Auch wenn dabei auf manch Gewohntes verzichtet werden muss. Etwa der sonst so uneingeschränkte Bewegungsdrang der brünetten Frontfrau, die im schwarzen, bodenlangen Seidenkleid runde zwei Stunden lang in nahezu gleicher Position auf ihrem samtbespannten Sitz verharrt.

Raum schaffen luftige Arrangements in sparsamer Instrumentierung. Ohne den üblichen Rock-Anstrich der Originale wirken Lieder wie „Optimist“, „Scherbenmeer“ und „Orchester in mir“ wie romantische Poesie aus einem längst vergangenen Jahrhundert. Auch wenn sie im gewohnten Kontext eher plakativen Überlebensstrategien diverser Psycho-Ratgeber aus Lifestyle-Magazinen ähneln. Das virtuose Akustikspiel wirkt wahre Wunder. Selbst der oft gehörte Vorwurf, die Stürmer klänge ohnehin wie die Quersumme aus den drei erfolgreichsten deutschen Formationen der vergangenen Jahre – „Juli“, „Silbermond“ und „Wir sind Helden“ –, findet im Unplugged-Konzept keinen Widerhall.

Wirkliche Überraschungen offeriert Stürmer indes nur wenige. Zu gleichförmig klingen auf Lagerfeuer-Romantik gezimmerte Hits wie „Ich lebe“ oder „Mitten unterm Jahr“. Artig wird applaudiert. Doch richtig begeistert sind nur Jugendliche in Begleitung ihrer Eltern, die ohnehin jede Zeile mitsingen können. Bewegung ins Auditorium kommt erst nach der Pause mit „Nie genug“, Titelsong der Daily-Soap „Alles, was zählt“.

Ein Privileg, das sowohl „Fieber“, der offiziellen Hymne zur Fußball-Europameisterschaft, als auch ihrer Interpretation von Herbert Grönemeyers „Kinder an die Macht“ versagt bleibt. Künstlerischen Wagemut beweist das umschwärmte Teen-Idol erst kurz vor dem Finale: Mit „Augenblick am Tag“ gelingt ein authentischer Ausflug in Country-Gefilde, „Engel fliegen einsam“ überzeugt im jazzigen Swing-Gewand.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Michael Kretzer

 

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