Von Christoph Schütte
01. Mai 2008 Natürlich handelt es sich zunächst einmal um Kunst am Bau, sucht Vollrad Kutschers Himmel über Hessen“ doch den Dialog mit der Transparenz der modernen Architektur, fügt sich ein in die Raumfolgen des Landtags und nimmt formal die rhythmisch die Fassade durchbrechenden Fensterschlitze auf. Einerseits.
Doch handelt es sich bei dem vor kurzem eröffneten Plenarsaalgebäude eben nicht um ein beliebiges Bürohaus, sondern, wie es der Erste Vizepräsident des Hessischen Landtags, Lothar Quanz, jetzt bei der Präsentation der Installation formulierte, um einen Ort gelebter Demokratie par excellence.
Olymp über Hessen
Und die, mag man folgern, ist ihrem Wesen nach dynamisch. Kutschers dreiteilige, von der Lobby zur Stirnwand des Parlaments sich fortsetzende Arbeit verbindet denn auch Architektur, Ort und hessische Geschichte und bleibt zugleich offen für die Zukunft. Dabei ist das Konzept im Grunde einfach. Von Adorno bis Konrad Zuse, von Philipp dem Großmütigen bis Georg August Zinn und von Anne Frank bis Fritz Bauer; von Goethe über Büchner bis Hindemith und von Bonifatius bis Elisabeth von Thüringen hat Kutscher 50 Persönlichkeiten für die bleibende Installation ausgewählt, die, so der Frankfurter Künstler, gleichsam als Olymp über Hessen“ auf uns und die Parlamentarier herunterblicken. Und schauen, was sich so tut in den Niederungen.
Spurensuche des Künstlers
Von Kassel bis Darmstadt, von Fulda über Gelnhausen und Hanau bis nach Marburg hat Kutscher dafür buchstäblich den Himmel über Hessen“ fotografiert, Wohn- und Geburtshäuser auch, oder was davon noch übrig ist, und jeweils einen zur Abstraktion tendierenden Ausschnitt in einem zweiten Schritt als aufwendige Glasmalerei realisiert.
Je sieben dieser leuchtenden, mit den jeweiligen Porträts überblendeten Fenster“ finden wiederum in der Stirnwand hinter dem Präsidium Platz als Schattenkabinett“ (Kutscher), dem zur Eröffnung neben Goethe etwa Wilhelm Leuschner oder mit Elisabeth Selbert – eine der gerade einmal neun Frauen am Himmel über Hessen“ – eine der Mütter des Grundgesetzes“ angehören: Unsere Besten“ gleichsam, den Parlamentariern zum Vorbild und zur stetigen Mahnung.
Verzicht auf Pathos
Was Kutschers aus einem Einladungswettbewerb als Sieger hervorgegangene Arbeit bei aller Konsensfähigkeit auszeichnet, ist jedoch der Verzicht auf jedwedes Pathos in dem hohen Hause, die Transparenz auch des künstlerischen Vorgehens, vor allem aber und keineswegs zuletzt: ihre Offenheit und potentielle Dynamik.
Denn nicht nur das Schattenkabinett“ kann ohne großen Aufwand immer wieder ausgewechselt werden – Goethe etwa gegen Büchner oder Lichtenberg, Landgraf Philipp gegen Ulrich von Hutten, Philipp Scheidemann oder gar Grimmelshausen.
Heiterer Himmel
Der Künstler, zeigt sich hier ganz nebenbei, hat offenbar Humor. Auch ist der Himmel zukünftigen, womöglich vergessenen oder schlicht weniger konsensfähigen Olympiern“ nicht ein für allemal verschlossen.
Als Work in progress“ angelegt, dürfte – so steht wenigstens zu hoffen – sich der illustre Kreis im Lauf der Zeit und wenigstens, solange es noch Hessen gibt, erweitern. Und mag auch hier und da ein Wölkchen den Himmel über Hessen“ trüben: Bei Kutscher ist er überwiegend blau. Und überraschend heiter.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Michael Kretzer
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