06. November 2008 Tom Araya ist ein höflicher Mann, aber er macht nicht viele Worte: Danke für das bezaubernde Willkommen. Nächstes Lied: War Ensemble.“ Und dann singt der freundliche Mittvierziger in der Offenbacher Stadthalle über verrottende Körper und im Mondlicht schimmernde Knochen, Psychopathen und Massenmörder. Das Ganze untermalen Araya als Bassist, Schlagzeuger Dave Lombardo sowie die Gitarristen Kerry King und Jeff Hanneman mit einem brachialen Soundgewitter – meist in den Tempi schnell“, schneller“ und die Hölle bricht los“. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert hämmert sich Slayer“ so durch die Musikszene. Die Kalifornier gelten als Miterfinder der Thrash Metal“ genannten, härtesten Spielart harter Rockmusik; zusammen mit Metallica, Megadeth und Anthrax stellen sie die Großen Vier, die Big Four, des Genres.
Begonnen haben Slayer und der Thrash Metal – seinen Namen verdankt der Stil dem englischen Wort für dreschen oder prügeln – in den frühen achtziger Jahren. Schneller und kompromissloser als jeder andere Musikstil, diente er in der Jugend-Subkultur der Abgrenzung vom Formatradio-Pop und der Provokation von Eltern, Lehrern und jeglichem Mainstream“ – 1983, im Jahr des ersten Slayer-Studioalbums, waren das in Deutschland zum Beispiel Supertramp, Chris de Burgh und Nena.
Der nette Satanist von nebenan
Zum Programm der Provokation gehörte bei Slayer auch die reichliche Verwendung von Pentagrammen und Runen auf Plattencovern und in Logos, die zusammen mit den Liedtexten der Band die Plattenfirma Columbia Records so verschreckten, dass sie sich 1986 nicht traute, das Album Reign in Blood“ zu veröffentlichen. Der Konkurrent Geffen war nicht so zimperlich und machte mit der Platte Kasse. Denn sie wurde ein Verkaufserfolg und erreichte die Top-Hundert der Hitparaden, auch dank der wütenden Reaktionen religiöser Gruppen in den Vereinigten Staaten. Aus Sicht der Subkultur ist das ein Qualitätssiegel.
Das Prinzip der Herausforderung bescherte Slayer aber auch in Deutschland Gegenwind, vor allem wegen des Lieds Angel of Death“ über den KZ-Arzt Josef Mengele. Es fehle die Distanzierung zu den Taten des Mörders, lautete ein Vorwurf an die Band, den sie allerdings vehement zurückwies. Ohnehin sollte man Rockbands nicht alles glauben, was sie in ihren Texten so schreiben. Araya, auf der Bühne der nette Satanist von nebenan, ist Katholik, und ein gläubiger dazu. Inzwischen haben der Band, so scheint’s, die deutschen Intellektuellen verziehen, zumindest beförderte die Wochenzeitschrift Die Zeit“ das Slayer-Album von 1986 zu einem der 100 Klassiker der modernen Musik“.
Sound und Image von Slayer tragen seit mehr als zwei Jahrzehnten, aus den Jungen Wilden ist ein feste Größe des Rock-Zirkus geworden. Auch ein Teil der Anhängerschar ist mit den Musikern älter geworden: Beim Publikum in der Stadthalle Offenbach, in der Slayer mit der Unholy Alliance Tour“ Station gemacht hat, ist neben dem Pentagramm der Bierbauch ein Markenzeichen der älteren Fans. Slayer hat als Band begonnen, mit der Kinder ihre Eltern erschrecken konnten. Inzwischen klappt das auch in der Gegenrichtung.
Schreie zu den Doppelschlägen der Basstrommel
Dabei haben Band und Programm nichts von ihrer Wucht eingebüßt. Araya, King, Lombardo und Hanneman tragen das Repertoire mit ungebremster Kraft vor. Vorangetrieben von Doppelschlägen der Basstrommel, intonieren die beiden Gitarristen präzise Riffs, zu denen Araya singt und schreit wie ehedem. Und auch die in Hochgeschwindigkeit vorgetragenen Gitarrensoli mit extremem Einsatz des Tremolo-Hebels klingen nach wie vor wie eine Kampfansage an das überkünstelte Spiel manches Rockgitarren-Virtuosen.
Dazu blicken Hannemann und King finster in die Runde, während Araya, dem alles sichtlich einen Riesenspaß macht, freundlich lebensbejahende Lieder wie Chemical Warfare“ und God hates us all“ ankündigt. Und in der Offenbacher Stadthalle reckt das Publikum die Fäuste, und spreizt Zeige- und kleinen Finger ab. Alles wie immer: Falls jemand einen Soundtrack zum Weltuntergang sucht – Slayer hat ihn schon geschrieben.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Florian Sonntag