Von Konstanze Crüwell
03. Juli 2008 Es sind Zeichnungen, die zu unserem kollektiven Gedächtnis gehören, von denen wir einige bald im Leinwandhaus sehen können: Von Hans Traxler zum Beispiel die schicke junge Frau, die fröhlich Dietmar! Kinder! Ich hab mich verliebt!“ trällert, als sie nach Hause kommt, wo ihr Ehemann in Schlabberpulli und Pantoffeln sich mit dem Gesichtsausdruck einer komplett frustrierten Hausfrau den zwei ebenso muffigen Kleinkindern widmet. Ein prophetisches, da schon lange vor Ursula von der Leyens epochemachendem Reform- und Lebenswerk entstandenes deutsches Sittenbild. Zum Hausschatz gezeichneten Humors gehören natürlich auch die 99 wunderbaren Sudelblätter, die Robert Gernhardt zu Georg Christoph Lichtenbergs 99 Sudelsprüchen geschaffen hat, unter denen Wie gehts?, fragte ein Blinder einen Lahmen“ – wie Sie sehen, antwortete er“ der populärste Sudelspruch sein dürfte.
Vorfreude kommt auf: Am 2. Oktober wird Caricatura, das Museum für Komische Kunst, im gotischen Leinwandhaus eröffnet, das einzige Haus seiner Art in Deutschland und ein neues Juwel der Frankfurter Museenlandschaft. Exemplarische Arbeiten von F. W. Bernstein, Robert Gernhardt, Chlodwig Poth, Hans Traxler und F. K. Waechter werden dort in einer Dauerausstellung zu sehen sein.
Verwandlung des gotischen Hauses in ein Museum ist in vollem Gang
An diesem Abend wird dort auch, wie Caricatura-Leiter Achim Frenz berichtet, eine große Sonderausstellung mit Werken des leider früh gestorbenen Bernd Pfarr eröffnet, dessen Humor und Tiefsinn verbindende Zeichnungen eine ebenfalls enthusiastische Fangemeinde haben. Ein großes Ereignis also steht ins Haus und Frenz, unermüdlich und mit allen Formen und Machern komischer Kunst bestens vertraut, ist voller Hoffnung, dass er die bayerische Musik- und Kabarettgruppe Biermösl Blosn samt Gerhard Polt – beide Kult und beide mit dem Großen Karl-Valentin-Preis ausgezeichnet – an diesem 2. Oktober für Frankfurt gewinnen kann.
Noch ist die Verwandlung des gotischen Hauses in ein Museum für Komische Kunst in vollem Gange. Gerade wird die Galerie, mit der zusätzliche 80 Quadratmeter an Ausstellungsfläche entstehen, in der sechseinhalb Meter hohen Halle im 250 Quadratmeter großen Erdgeschoss nach den Plänen des für Museumsbauten renommierten Eichstätter Architekturbüros Diezinger und Krämer eingebaut, als leichte Konstruktion, die immer wieder reizvolle Durchblicke gewährt. Das um 1399 errichtete gotische Leinwandhaus, das im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört und erst im Jahr 1982 wieder rekonstruiert wurde, steht seither wieder unter Denkmalschutz, mit dessen Vertretern sich die Architekten aber rasch einigen konnten. Im Erdgeschoss ist die geplante Bühne für Konzerte und Lesungen schon fast fertig aufgebaut. Bald soll auch links vom bisherigen Eingang der neue Eingang mit Kasse und Museumsshop entstehen.
Die größte Überraschung erlebt man im zweiten Stock – dort, wo früher das Fotografie-Forum international seine Ausstellungen in mehreren Räumen ohne Tageslicht zeigte. Jetzt steht man staunend in einem veritablen Saal mit harmonischen Proportionen, der mit seinen 250 Quadratmetern so groß ist wie das ganze Stockwerk und von jedem Fenster aus einen prachtvollen Blick auf den unmittelbar benachbarten Dom bietet. In diesem Saal wird Frenz die zeichnenden Mitglieder der Neuen Frankfurter Schule – Bernstein, Gernhardt, Poth, Traxler und Waechter – präsentieren, selbstverständlich nicht als Gruppe, sondern jeden für sich als eigenständige Künstlerpersönlichkeit.
hr3-Kultserie aus den siebziger Jahren zu hören
In der Medialounge im zweiten Stock können alle diejenigen, die Doktor Muffels Telebrause“ bisher nur aus den verzückten Berichten ihrer Eltern oder Großeltern kennen, diese zehnteilige Comedyserie und Kultsendung des hr3 aus den siebziger Jahren jetzt als erschütternd komische Konserve kennenlernen. Möglicherweise kann man auch andere, für den Hörfunk entstandene Satireprogramme und -serien hören. Im zweiten Stock werden Archiv und Bibliothek untergebracht und der abgetrennte Teil ist für das Büro von Achim Frenz, seiner Sekretärin und seines Assistenten vorgesehen. Noch ist der Leiter der Caricatura aber ganz allein auf weiter Flur, überwacht den Fortgang der Bauarbeiten und bereitet die nächsten Ausstellungen vor: Zu jeder Ausstellung erscheint ein Katalog als Caricatura-Edition.
Nach Pfarr stellen Greser & Lenz vom 22. Januar bis 19. April 2009 im Museum für Komische Kunst aus, gefolgt von Hans Traxler vom 29. April bis 26. Juli 2009. Zum 200. Geburtstag von Heinrich Hoffmann, dem Vater des Struwwelpeter, wird ein Buchprojekt zum Struwwelpeter vom 6. August bis 20. September gezeigt. Danach werden 30 Jahre Titanic“ mit einer Sonderschau vom 1. Oktober bis 21. März 2010 gefeiert. Die Malerei der Komischen Kunst von Sowa, Kahl und Hurzlmeier ist vom 14. Januar bis 21. März 2010 im Frankfurter Museum für Komische Kunst, danach im Münchner Stadtmuseum und im Altonaer Museum zu sehen. Und im Gedenken an Chlodwig Poths 80. Geburtstag findet eine Ausstellung seiner Werke vom 1. April bis 27. Juni 2010 statt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Agata Skowronek
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