Ausstellung zu Tel Aviv

Weiße Stadt am Meer

Von Rainer Schulze, Frankfurt

Tel Aviv hat viele unbekannte Seiten. Ein paar zeigt das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt.

Tel Aviv hat viele unbekannte Seiten. Ein paar zeigt das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt.

09. Juli 2009 Weiße Fassaden, wohin der Blick auch fällt. Ein Verirrter, der durch die Straßen von Tel Aviv flanierte, könnte sich in einem der weißgetünchten „Pueblos Blancos“ Spaniens wähnen, das sehr weit über sich hinaus gewachsen ist. Der Gang durch die vier Straßentypen Haupt-, Neben- und Hausstraßen sowie Rosengässchen, in die Tel Aviv von den Stadtplanern eingeteilt wurde, beschwingt. „Ihm wurde bewusst, dass er sich hier so leicht und frei fühlte, wie noch nirgendwo zuvor“, beschreibt der Schriftsteller Y. D. Berkowitz einen Spaziergang durch die weiße Stadt.

Vielleicht ließ Berkowitz seinen Helden auch durch den Rothschild Boulevard laufen, jene Straße, in der nach den Plänen des Architekten Ze’ev Rechter 1934 das „Engel Haus“ gebaut wurde, das die Prinzipien Le Corbusiers aufgreift: Tel Avivs erstes Haus auf Stützen. Die Meeresbrise strömt durch das Erdgeschoss. Die Sonne wirft auf der von Ornamenten freien, klaren und kantigen weißen Putzfassade harte Schatten.

Tel Aviv - zweite Stadt der Moderne

Es waren Architekten wie Rechter, die Tel Aviv damals sein unverwechselbares Gesicht als nach Brasilia zweiter Stadt der Moderne gaben. Zwischen 1933 und 1948 entstanden 4000 Wohngebäude im internationalen Stil. Die Architekten hatten an den Schulen der damaligen Avantgarde studiert, Europa bereist und brachten von dort ästhetische Einflüsse mit. Besonders die Wirkung Erich Mendelsohns ist an den geschwungenen Linien zahlreicher Gebäude sichtbar. Doch Tel Avivs Architekten setzten die Gestaltungsprinzipien ihrer Lehrer und Vorbilder nicht eins zu eins um, sondern passten sie den besonderen klimatischen Bedingungen an. So fand das in der europäische Moderne großzügig verwendete Glas seinen Weg kaum in die weiße Stadt. Der europäische Einfluss wurde gleichsam assimiliert. Die Häuser in Tel Aviv haben tief liegende Balkone, die den Raum dahinter in den Schatten rücken, damit die Hitze die Bewohner nicht auffrisst.

Das Deutsche Architekturmuseum Frankfurt hat die von der früheren Leiterin der Denkmalschutzbehörde, Nitza Smuk, kuratierte Ausstellung „Die weiße Stadt – Tel Avivs Moderne“, die zuvor in Lausanne, Le Havre, Montreal und Rom zu sehen war, übernommen und zeigt sie bis zum 13. September in seinen Räumen im ersten Obergeschoss. Die Schau fügt sich im Jubiläumsjahr des Bauhauses gut in das Programm ein – ist in Tel Avivs homogen im Stil des „Neuen Bauens“ gestaltetem Zentrum doch auch das größte Bauhaus-Erbe der Welt zu bewundern. Am 3. Juli 2003 fand der Aufbau Tel Avivs die höchste Würdigung: Die Unesco ernannte die Stadt zum Weltkulturerbe.

Der Aufbau der Stadt lässt sich hervorragend studieren

Die Ausstellung ist in drei Sektionen gegliedert. Den Anfang macht das Stadtbild. Die zu Beginn des 20. Jahrhunderts rasch wachsende Bevölkerung stellte die Stadtväter vor große Herausforderungen. Getrieben von dem zionistischen Ideal, das jüdische Volk in seiner Heimat anzusiedeln, bat man 1925 den schottischen Stadtplaner Sir Patrick Geddes, einen Masterplan zu entwerfen. Anders als bei Howards Gartenstädten hat Geddes die im Kern 4000 Häuser umfassende Wohnsiedlung nicht in die Peripherie verlegt, sondern sie direkt in der Innenstadt geplant.

Anhand von Stadtplänen und großformatigen historischen Fotografien lässt sich im Architekturmuseum der Aufbau der Stadt hervorragend studieren. Die hierarchischen Straßentypen katalogisieren den Stadtplan in Felder mit autonomen Wohnblocks, welche die Grundeinheiten bilden. Ein Ring von Hauptstraßen umschließt die grünen Wohnviertel mit zur Straße hin orientierten Gärten. Von den ursprünglich geplanten 60 öffentlichen Grünflächen entstanden allerdings nur 30. Über diese Parkanlagen allerdings würde man in der Ausstellung gern noch etwas mehr erfahren. Das Zentrum bildet der Dizengoff Platz. Rothschild-, Chen- und Ben-Gurion-Boulevard umschließen das Welterbe, in dem die Bauhöhe auf drei bis vier Stockwerke begrenzt ist.

Die Bewohner tanzen auf dem Dach

Eine Galerie, die 78 der 150 Architekten kurz porträtiert, führt in die zweite Abteilung: Der „Europäische Einfluss“. Shlomo Bernstein studierte am Bauhaus, andere Baumeister in Gent, Brüssel oder Paris. Die lokalen Architekten waren vor allem von Le Corbusier, Mies van der Rohe, Walter Gropius und den expressionistischen Bauten Mendelsohns beeinflusst. Dieses Vorbild vieler Baumeister von Tel Aviv lebte von 1934 bis 1942 in Palästina, konzentrierte sich in seinen Entwürfen aber auf Haifa und Jerusalem. Doch an vielen Gebäuden seiner Schüler lässt sich seine Handschrift ablesen. Wichtige steinerne Ikonen werden in einem Kurzfilm vorgestellt, der den Aufbau und deren Funktion präzise vor Augen führt.

Schließlich widmet sich ein dritter Teil der Entwicklung einer eigenen Architektursprache. Da ist zum Beispiel das „Liebling Haus“, 1936 errichtet nach den Plänen von Dov Karmi. Der Architekt hat statt langer Fensterbänder einen zurückgesetzten Balkon gewählt, der als tiefer Einschnitt zwischen Balustrade und Unterzug des darüber liegenden Geschosses die Räume vor dem Sonnenlicht schützt und ein Spiel von Licht und Schatten erzeugt. In welche Stimmung solche Bauten damals die Bevölkerung versetzt haben, zeigen bewegte Bilder: Die Bewohner tanzen auf dem Dach.

„Die weiße Stadt – Tel Avivs Moderne“ ist bis zum 13. September im Architekturmuseum, Schaumainkai 43, zu sehen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Reuters

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