Ausstellung

Die Linien der Gegenwart

Von Michael Hierholzer

15. Juli 2005 Die Städte ähneln sich. Nicht nur sind die Fußgängerzonen der westlichen Metropolen weithin austauschbar. Auch aus der Vogelperspektive gewinnt das Häusergewirr kaum individuelle Züge. Man sucht nach Wahrzeichen. Nach Typischem. Bogdan Hoffmann unterschlägt es gern. Denn das Charakteristische wird immer mehr vom Allgemeinen verdrängt. Würde er ein bestimmtes, allen bekanntes Gebäude deutlich herausstellen, würde dies die tatsächlichen Verhältnisse verleugnen: die ästhetische Vereinheitlichung des Globus.

Über die gesamte Erde breiten sich die Superstädte aus - mit Hochhäusern, genormten Wohngebieten und ausgefransten Rändern. Der 1957 in Polen geborene Künstler sucht der Realität der urbanen Gegenwart, aber auch der Reste von Natur habhaft zu werden. Er stellt keine Fotografien aus. Keine Skizzen. Er arbeitet sich an dem, was er überall wahrnimmt, ab, spürt der Wirklichkeit und Unwirklichkeit der Städte nach, indem er ihre Linien, ihre Konturen, ihre Silhouetten in Druckstöcke aus Holz oder Linoleum schneidet.

Erweiterter Kommunikationsbegriff

Das Handwerkliche, das mit der Hand mühsam dem Material Abgerungene ist ein zentraler Aspekt der Arbeiten, die jetzt im Frankfurter Museum für Kommunikation zu sehen sind. „Weltsichten - Stadtsichten“ ist der Titel der Kabinettausstellung, mit der das Haus seine Reihe mit Kunst zum erweiterten Kommunikationsbegriff fortsetzt.

Auf den ersten Blick ist es durchaus nicht gänzlich klar, warum diese Werke in diesem Museum gezeigt werden. Es braucht schon ein bißchen interpretatorische Anstrengung, um sich vor Augen zu führen, daß es beispielsweise geographischer Kenntnisse bedarf, um einen Brief zuzustellen. Und daß etwa ohne Karten keine Telefonkabel verlegt werden konnten.

Abbreviaturen der weltumspannenden Zivilisation

Neben den Ansichten von Städten sind es nämlich vor allem Karten, und zwar solche, die sich auf Gegenden in aller Herren Ländern beziehen, die in Hoffmanns Holzschnitten und Kaltnadelradierungen eine Hauptrolle spielen. Weltkarten, geographische Elemente, Stadtsichten sind die drei großen Themenkomplexe, um die des Künstlers Werk kreist. Es ist ein Versuch, zu fassen, was doch nicht zu fassen ist, das Weltganze, die Oberfläche des Planeten.

Es ist die Suche nach den Abbreviaturen der weltumspannenden Zivilisation, der Wunsch, sich zu vergewissern, wo man lebt, das Streben nach einer universellen Beschreibung eines Planeten namens Erde. Hoffmann reist im Zug, macht Fotos, verarbeitet sie und seine Eindrücke in subjektiver Manier. So entsteht eine Art individueller Plan des geographischen Weltganzen. Eine Möglichkeit, dem globalen Einheitszwang doch noch zu entgehen.

Geöffnet Dienstag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 19 Uhr



Text: F.A.Z. vom 16. Juli 2005

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