Interview mit Opernchef Bernd Loebe

Wenn sich die Lust sogar auf Kritiker überträgt

29. September 2003 Frankfurt ist nach einer Spielzeit unter Ihrer Leitung "Opernhaus des Jahres" geworden. Hat Sie das überrascht?

Ich habe in Frankfurt so weitergearbeitet, wie ich es in Brüssel getan habe und war mir relativ sicher, daß dies zu einer Akzeptanz, zu einem Interesse bei Publikum und Kritik führen wird. Daß dieses Etikett uns schon nach einem Jahr ans Revers geheftet wird, damit habe ich nicht unbedingt gerechnet.

Was ist der Grund für den Erfolg der Oper Frankfurt?

Ich glaube, es kommt auf das Gesamtbild an. Es ist nicht nur das sogenannte Konzepttheater, es ist nicht nur die musikalische Qualität, es sind nicht nur die Sänger, nicht nur die Dirigenten. Es ist eine gewisse Integrität, die sich dem Zuschauer mitteilt, und das Gefühl, daß die, die auf der Bühne sind, mit Freude, Energie und Lust arbeiten. Das überträgt sich, glaube ich, sogar auf die Kritiker.

Dabei müssen Sie doch immer wieder den Spagat zwischen Anspruchsvollem und Populärem, Modernem und Klassischem, dem Regietheater und dem Bedürfnis nach einem von keiner Inszenierung getrübten Schönklang wagen.

Wir arbeiten inzwischen schon mit einer großen Schere im Kopf. Es gibt einerseits den Druck, Einnahmen zu machen, andererseits will man einem intellektuellen Publikum etwas bieten. Aber ein Teil des Publikums, nachdem das Haus nach Cambrelings Weggang viele Aufgeschlossene verloren hat, hat eher traditionelle Erwartungen. Wir leben von diesem sehr treuen Publikum. Doch es ist schon schwer, manches, was man auf dem Papier skizziert hat, in der Realität umzusetzen. Auf Dauer müssen wir jüngere Publikumsschichten für die Oper erschließen.

Hat das Regietheater auf der Opernbühne künftig überhaupt noch eine Chance?

Ja, wenn die Menschen auf der Bühne den Eindruck erwecken, diese Produktion sei die einzig mögliche Form, ein bestimmtes Stück aufzuführen. Jeder Abend muß etwas Authentisches haben, so daß man sich das Stück gar nicht mehr anders vorstellen kann. Ich glaube aber auch nicht grundsätzlich, die Dinge müßten auf den Kopf gestellt, 300 Jahre alte Opern so auseinandergenommen werden, daß man sie nicht mehr erkennt.

Eignet sich die Kunstform Oper heute nicht mehr für avantgardistische Schockerlebnisse?

Auch ein Schock kann verführerisch sein oder so wirken, daß ein Zuschauer am nächsten Morgen sagt: Das war schon ein interessanter Ansatz. Wir leben in einer Zapper-Gesellschaft. Die Geduld des Publikums, sich auf etwas einzulassen, ist gering. Ich wünschte mir ein Publikum, das erst einmal zuhört, zuschaut und einer bestimmten Sicht eine Chance gibt.

Ein Teil des Publikums findet Inszenierungen eher störend. Würden nicht auch viele Sänger am liebsten an der Rampe stehen und auf allzuviel Schauspielerei verzichten?

Überhaupt nicht. Die Zeiten der Rampensänger sind vorbei. Solche Sänger hätten heute auch überhaupt keine Chancen mehr. Dafür ist die Konkurrenz viel zu groß. Die Sänger von heute sind musikalisch gut ausgebildet und zu 95 Prozent total offen für Regiefragen. Manchmal wünschte ich mir, sie würden mehr einbezogen. Oft könnte man sogar noch mehr aus einer Inszenierung herausfiltern, wenn man den Sängern größere Verantwortung gäbe.

Es gibt beim Publikum das Bedürfnis nach Stars, Diven, großen Sängerpersönlichkeiten, aber es finden sich kaum noch welche.

Trotz mühsamer Versuche der Schallplattenindustrie stirbt der Typus des Stars mehr und mehr aus. Wir haben hier allerdings positive Erfahrungen gemacht mit den Gastspielen von Agnes Baltsa und Eva Marton. Ich werde mir auch in Zukunft den Luxus leisten, Galas zu veranstalten. Das gehört auch zu einer Oper. Wenn die Sänger nicht nur an einem Tag kommen und am nächsten abreisen, sondern ein paar Tage hier proben, sich mit dem Haus verbinden, dann sind Galavorstellungen legitim.

Jahrelang wurde über den Vorzug des Stagione-Betriebs diskutiert. Nun ist die Frankfurter Oper, im wesentlichen ein Ensemble-Betrieb, Opernhaus des Jahres geworden.

Ich habe elf Jahre mit dem Stagione-Prinzip gearbeitet. Ich habe mich gefragt: Ist Qualität in einem Ensemble-Betrieb möglich? Die positive Überraschung für mich ist, daß Qualität in einem Repertoire- und Ensemble-Betrieb machbar ist. Mit ganz wenigen Abstrichen wäre das Programm der ersten Frankfurter Spielzeit auch in Brüssel möglich gewesen. Mich persönlich freut es auch, daß die Mitarbeiter im Haus das spüren. Ich sehe eine Chance, dauerhaft für ein sehr solides Niveau zu sorgen.

Wir wollen Sie der Schwierigkeit begegnen, das Repertoire auf hohem künstlerischem Niveau zu halten?

Wir werden in drei Jahren das jetzige Repertoire fast komplett ausgetauscht haben. Wir sind dazu verdammt, viele Titel im Programm zu haben, weil sich in Frankfurt wenige zwei oder dreimal dieselbe Inszenierung anschauen. Wenn die Stücke im Abonnement erst einmal gelaufen sind, haben wir Schwierigkeiten, die Aufführungen im freien Verkauf an die Besucher zu bringen. Wir wollen künftig pro Spielzeit auf acht bis neun Titel kommen, wobei wegen der finanziellen Lage jedoch zwei bis drei Koproduktionen sein werden oder bestehende Produktionen, die wir von anderen Theatern übernehmen.

Sie sind verpflichtet, Jahr für Jahr weniger Geld auszugeben. Können Sie da überhaupt soviel selber produzieren?

Wenn wir nicht fünf bis sechs Neuproduktionen machen können, müssen wir das ganze System überdenken. Dann muß die Stadt Frankfurt neu entscheiden: Investieren wir in die Oper, um das Haus mit Ruhm auszustatten, oder fahren wir zurück auf einen mittleren Stadttheaterbetrieb. Das sogenannte Konsolidierungsprogramm der Stadt wird mittelfristig auf dem Prüfstand stehen.

Die Städtischen Bühnen haben nur noch zwei Sparten. Wird nach dem Wegfall des Balletts nicht Geld für Oper und Schauspiel frei?

Minister Bouffier aus Wiesbaden hat ja schon angedeutet, daß das eventuell frei werdende Geld nicht auf die anderen Sparten verteilt werden darf. Dabei hatten wir eine teilweise Verrechnung erwartet. Wir werden in große Schwierigkeiten geraten, wenn es nun doch nicht so kommt. Man kann nicht zehn oder, wenn man die Tariferhöhungen miteinbezieht, 14 Millionen Euro einsparen, ohne daß die Qualität darunter deutlich leidet.

Die Fragen stellte Michael Hierholzer.



 

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