Von Benedikt Stegemann
28. April 2008 Die alljährlichen Maifestspiele im Staatstheater Wiesbaden verbinden traditionell Lokales und Internationales. Mit der bei der aktuellen Eröffnung erstmals gezeigten Neueinstudierung des Musikdramas Salome“ von Richard Strauss trägt Hausherr und Regisseur Manfred Beilharz diesem Umstand Rechnung, hat aktuelle Inszenierungstendenzen im Blick und doch Eigenes im Sinn. Erinnert wird von ihm auch die Deutung des Sujets in Montpellier 2005, kenntlich an Details wie der Elevation des Jochanaan oder dem gewaltsamen Untertauchen Salomes bei der Taufe. Vor allem aber verbindet sich mit Montpellier der damalige Triumph von Manuela Uhl in der Titelrolle. Ihre Verpflichtung nach Wiesbaden darf als besonderer Glücksgriff bezeichnet werden.
Den Zuschauern im Großen Haus bietet sich nach dem Heben des Vorhangs der Blick auf einen von Bernd Holzapfel klug strukturierten Möglichkeitsraum. Der wie ein überdimensionierter Fernseher über dem Handlungsort thronende Palast des Herodes kompromittiert die Sphäre der Herrschaft als Illusion, aus der es die Personen hinauszieht in die Wirklichkeit der Bühne. Von dieser geht rechts eine Röhre ab: je nach Beleuchtung (Thomas Märker) Gang ins Jenseits oder ins Unterbewusste, vordergründig zudem als Zisterne Aufbewahrungsort für den eingekerkerten Propheten Jochanaan.
Salome meidet den morbiden Luxus der Palastwelt
Weiße Sonnensegel in Flügelform scheinen auf einen Aufbruch in völlig neue Dimensionen hinzuweisen; erst später wird sich die Zugehörigkeit dieses Symbols zum Todesengel enthüllen Solche Doppelwertigkeit von Gegenständen wie auch Gesten ist bereits im Werk auf vielfältige Weise angelegt: Salome entzieht sich dem Blick ihres Stiefvaters Herodes, der sie zum Objekt seines Begehrens degradiert. Sie möchte jedoch vom Propheten angeschaut werden, damit dieser erkenne, was sie ihrem Wesen nach ist.
Beilharz erzählt die sich explosiv entfaltende Beziehung zwischen Prinzessin und Heilsverkünder als die zweier Menschen, welche letztlich nicht über ihren Schatten springen können. Salome meidet den morbiden Luxus der Palastwelt. Dann verstrickt sie sich wieder in dessen Sphäre, indem sie die dortigen Machtverhältnisse und Begierden instrumentalisiert. Jochanaan hingegen kann seine moralisch-ethische Überlegenheit nur aus der sicheren Position der Weltabgeschiedenheit ausspielen.
Klangkörper unterstützt Bühnengeschehen überaus wirkungsvoll
In der direkten Konfrontation mit einer jungen und begehrenswert schönen Frau kommt dem heiligen Mann die Selbstgewissheit abhanden. Als er die Chance bekommt, dieses unentfaltete Wesen aus ihrem verdorbenen Milieu herauszulösen, versagt er, rettet sich ins wohlfeile Verfluchen und flüchtet in seine Zisterne.
Da das Täter-Opfer-Schema ebenso verweigert wird wie das Kindfrau-Klischee, zwingt die Inszenierung von Manfred Beilharz die Aufmerksamkeit auf die Innenseite der Handlung. Bei deren Vergegenwärtigung kann das Staatsorchester unter seinem Chef Marc Piollet viele Trümpfe ausspielen. Wechselweise psychologisierend oder satt kolorierend, unterstützt der dynamisch stets präsente Klangkörper das Bühnengeschehen überaus wirkungsvoll.
Todbringende und schließlich selber getötete Titelfigur
Auf der Szene finden sich zahlreiche Nebenrollen mit Spitzenkräften aus dem eigenen Haus besetzt. Diese schaffen den Hauptdarstellern ein luxuriöses Fundament: Julia Juon ist eine gallig-gelbe Herodias, während Norbert Schmittberg den Herodes mit langem Pelzmantel und aufreizend rotem Lederslip (die Kostüme hat Renate Schmitzer entworfen) als verlebten Satyr gibt. Die suizidalen Ambitionen des Narraboth vergegenwärtigt Martin Homrich durch eine wirkungsvolle Timbrierung.
Nach seiner Selbstentleibung läuft Thomas J. Mayer in der Prophetenrolle zu Höchstform auf, doch den verhinderten Liebhabertenor zu ersetzen bleibt dem Bariton natürlich versagt. Sensationell gekrönt wird all dies von der Darstellung der todbringenden und schließlich selber getöteten Titelfigur.
Am Ende steht das schwarze Nichts
Manuela Uhl vergegenwärtigt deren Daseinsebenen suggestiv, indem sie die Mittellage ihres Soprans alltags- und sprachnah rauh profiliert, in der Höhe hingegen eine berückende, ihre sängerische Ausnahmestellung eindrucksvoll dokumentierende Strahlkraft entfaltet. In diese lichte Sphäre möchte Salome ihr Wesen heben, doch am Ende steht das schwarze Nichts.
Nächste Vorstellung am 21. Mai 2008 um 19.30 Uhr im Großen Haus des Staatstheaters Wiesbaden.
Text: F.A.Z.
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