Ausstellung „Im Hospital“

Bewältigung eines furchtbaren Traumas

Von Christoph Schütte

24. Juni 2008 So also sieht er aus, der Horror einer Kindheit. Hier die Krankenschwester mit der riesigen Spritze, als gelte es ihr Opfer ein für allemal in einen langen, tiefen Schlaf zu versetzen. Dort der Notarzt, der ständig übermüdet bald darauf den Job gewechselt hat, die Hebamme mit künstlicher Plazenta und einem feinen Streifen frischen Bluts auf dem sonst makellosen weißen Kittel und ein Chirurg mit seiner „Beute“ – rund 50 Zentimeter Darm –, der posiert, als sei er nicht Mediziner, sondern Arztdarsteller einer Daily Soap.

14 Motive umfasst die aktuelle Serie „Im Hospital“ der Frankfurter Fotografin Ramune Pigagaite, Porträts allesamt, wie sie das mit staunenswerter Konsequenz entwickelte Werk der 1966 im litauischen Varena geborenen Künstlerin insgesamt auszeichnen. „Vielleicht brauche ich die Menschen als Darsteller meiner Fantasie“, sinniert Pigagaite in Anbetracht ihres zwar stets konzeptuellen, doch von jeher auf ein Genre konzentrierten Schaffens. Und das trifft es gar nicht einmal schlecht. Denn im Grunde ist sie weniger, wie man zunächst glauben könnte, eine Dokumentaristin, als eine Geschichtenerzählerin. Wie schon in ihren früheren Zyklen – etwa den schlicht grandiosen, noch in Schwarzweiß entstandenen „Dorfbewohnern“ oder den „Menschen meiner Stadt“ – verdichten sich die Aufnahmen zu vage miteinander verwobenen Storys, zu Figuren gleichsam eines Theaterstücks, dessen Inszenierung freilich letztlich dem Betrachter überlassen bleibt.

„Man muss einem gänzlich Unbekannten voll und ganz vertrauen“

Stets aber ist der persönliche Bezug essentiell für die Intensität ihrer gänzlich unprätentiösen Kunst, für das Gelingen ihrer Bilder. War es bei den „Menschen meiner Stadt“ die Erinnerung, die sie zu fixieren trachtete, ein Abschied auch von den Bildern und Figuren der Kindheit und der alten Heimat, eines Kontextes also, der mit der Zeit und der Entfernung mehr und mehr verschwindet und verblasst, so erscheint die in einem Frankfurter Krankenhaus entstandene Serie „Im Hospital“, die derzeit in der Wiesbadener Galerie Photonet (Taunusstraße 43) zu sehen ist, als die Bewältigung eines tief sitzenden Traumas. Eine panische, geradezu pathologische Angst habe sie vor diesen Häusern, sagt Pigagaite, mit denen sie seit frühester Jugend das Gefühl des Ausgeliefertseins und der Verlassenheit verbinde.

„Man muss einem gänzlich Unbekannten voll und ganz vertrauen.“ Die Chance indes, das Verhältnis gleichsam umzudrehen, habe sie außerordentlich genossen. Denn während der zwei Jahre der Recherche auf den verschiedenen Stationen, der Gespräche mit Ärzten, Schwestern, Küchenhilfen oder Krankengymnasten, der Arbeit schließlich vor der Kamera bei natürlichem, ebenso klarem wie diffusem Licht und in der stets gleichen Zimmerecke im Schwesternwohnheim nebenan, war sie die Regisseurin ihrer eigenen Inszenierung, war sie diejenige, die sich buchstäblich ein Bild machte von ihrem Gegenüber. Und wie im richtigen Patientenleben mag man mit der Diagnose nicht in jedem Fall glücklich sein wie jene Küchenhilfe, die über ihr schlicht wunderbares Porträt beinahe schon ein wenig traurig war.

Gelegentlich irritierendes und subjektives Porträt eines Hauses

„Vielleicht ist das Kunst.“ Ein gutes Foto aber, so ihr Urteil, sei das doch wohl eher nicht. Oder die Endoskopieassistentin, die selbst am besten zu wissen glaubte, wie man gute Bilder macht, die Sekretärin der Notaufnahme, deren Porträt von wahrlich surrealer Komik ist. Was Pigagaite interessiert ist nicht, die Menschen bloßzustellen. Entscheidend ist vielmehr der Prozess, die Arbeit im Kontext und mit dem Gegenüber, die in ein Bild mündet und schließlich in eine Serie, die mehr als ein zwar eigenwilliges, gelegentlich irritierendes und subjektives Porträt eines Hauses vorstellt.

Was man sieht, ist vielmehr eine Inszenierung in ausgewählten, aber kaum zufälligen Facetten. Und doch bleibt alles offen. Denn Pigagaites eigene Geschichten bleiben stets seltsam in der Schwebe, öffnen Räume, statt sie bloß akribisch zu vermessen. Sie zu betreten ist derweil Sache des Betrachters. Denn es sind seine Erinnerung und Phantasien, die das Szenario erst zu einem Stück verdichten und, um im Bild zu bleiben, mit Hilfe der Kunst aus den Darstellern Figuren werden lassen. Und über das klassische Porträt hinaus fügen sich die Aufnahmen zu einem kunstvoll gesponnenen Ariadnefaden durch das Labyrinth der eigenen Bilder.

Bis 31. Juli, Montag bis Freitag von 13 bis 18 Uhr



Text: F.A.Z.

 

Kommt es zu Rot-Grün unter Duldung der Linksfraktion?

Ergebnis
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche