Von Michael Hierholzer
29. Juni 2007 Alles wird gut. Zumindest in der Dreigroschenoper“. Obwohl es in der Bettler-und Gaunergeschichte mit ihren allzeit nachsummbaren Gassenhauern zunächst gar nicht danach aussieht. Und trotz des begründeten Vorurteils, der Autor sorge mit seinem epischen Theater“ und der darin allenthalben geschwungenen Moralkeule ohnehin immer für schlechte Laune.
Aber in diesem Singspiel, dessen Erfolg Brecht später selber nicht ganz geheuer war, bleibt der erhobene Zeigefinger in der Hosentasche, und die Verfremdungseffekte, die darauf hinweisen, hier handele es sich schließlich um Theater und nicht um das wahre Leben, geben weniger zu denken als Anlass zur Heiterkeit. So lässt Bertolt Brecht zum glücklichen Schluss den reitenden Boten des Königs verkünden, dass Mackie Messer, statt am Galgen zu enden, in den Adelsstand erhoben wird.
Publikum in der Haifischbar
Und doch steckt auch unsere Gegenwart in diesem Stück. Es sei denn, man treibt sie ihm aus, indem man es als Nummernrevue auf die Bühne bringt oder auf andere Weise ins Brecht-Museum“ stellt. Dem Frankfurter Schauspiel aber brachte eine entstaubte, ungemein muntere und von exzellenten Darstellern getragene Fassung des Werks einen Publikumserfolg ohnegleichen. Und auch die Kritik war angetan.
Fast alle Vorstellungen der Gesellschaftskomödie mit der Musik von Kurt Weill, die das Ensemble Modern so schlank wie schräg präsentierte, waren restlos ausverkauft. Am Freitag beschloss eine Aufführung der von André Wilms vorangetriebenen und nach seiner schweren Erkrankung vom Ensemble vollendeten Inszenierung die Saison 2006/2007. Anschließend tummelte sich das Publikum in der Haifischbar“, in die das Glashaus“ des Schauspiels verwandelt worden war.
Karin Neuhäuser sorgte als Celia Peachum für viel Freude bei den Besuchern. Als Regisseurin zeigte sie sich in der Bearbeitung eines antiken Stoffs von einer gänzlich anderen Seite. Ihre Inszenierung der Orestie“ von Aischylos wird im August als Gastspiel gleichsam an ihrem ursprünglichen Ort gezeigt: im griechischen Epidauros. Auch dieses Mammutwerk der abendländischen Theatergeschichte erfreute sich bei den Zuschauern in Frankfurt großer Beliebtheit. Und trug mit dazu bei, dass die Zahl der Theaterbesucher im Vergleich zur vorigen Spielzeit um etwa 15 Prozent gesteigert werden konnte.
Altersdurchschnitt auf 40 Jahre gesenkt
Wie die Städtischen Bühnen jetzt bekanntgaben, lag die durchschnittliche Auslastung für alle Veranstaltungsorte des Frankfurter Schauspiels in der jetzt zu Ende gegangenen Saison bei etwa 74 Prozent. Der große Besucherzuspruch, hieß es, bringe eine verbesserte Einnahmesituation mit sich. Etwa 25 Prozent mehr Geld als ursprünglich angenommen flossen laut Auskunft der Geschäftsführung in die Kassen. Und das Publikum, verlautete aus dem Sprechtheater, sei in den vergangenen Jahren deutlich jünger geworden.
So habe der Altersdurchschnitt 2001 bei 60 Jahren gelegen, während er mittlerweile auf 40 Jahre gesenkt worden sei. So ist es der Intendantin Elisabeth Schweeger, die seit sechs Jahren das Haus leitet, offenbar gelungen, neue Publikumsschichten für das Schauspiel zu gewinnen. Dazu haben gewiss auch die zahlreichen Veranstaltungen beigetragen, die mit Musik, Parties und eine jüngere Klientel ansprechenden Vorträgen und Kongressen auch ansonsten theaterferne Schichten an den Willy-Brandt-Platz oder in die Spielstätte in der Schmidtstraße 12 gelockt haben.
Kurz vor Ende dieser Spielzeit hat sich ein Drama anderer Art ereignet: Elisabeth Schweeger hat ihren Rückzug angekündigt, flugs wurde ein neuer Intendant aus dem Hut der städtischen Kulturpolitik gezaubert. Er tritt sein Amt allerdings erst in zwei Jahren an. Bis dahin beweist die jetzige Intendantin, dass sie endgültig in Frankfurt angekommen ist: Die neue Theatersaison beginnt dieses Mal schon am 28. August, Goethes Geburtstag. Seine Wahlverwandtschaften“ dienen in einer dramatisierten Form als Auftakt des Festivals goethe ffm“. Goethe ist gut, sang Rudi Carrell einst. Die Theaterchefin könnte da mühelos einstimmen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Alexander Paul Englert