Malerei

Die Revolution kam im zugeknöpften Kleid

Von Julia Voss

22. Februar 2008 Warum uns heute die Bilder der Impressionistinnen so viel bedeuten, zeigt diese kleine Geschichte: Es war das Jahr 1892, und Mary Cassatt, Malerin, Amerikanerin, Frau, erhielt den Auftrag, für die Weltausstellung in Chicago ein Wandgemälde zu entwerfen. Das Thema lautete „die moderne Frau“. Das Wahlrecht war noch lange nicht in Sicht, zum Kunststudium ließ man Frauen in Frankreich, wo Mary Cassatt lebte, auch nicht zu.

Sie griff also zum Pinsel und malte, fast lebensgroß, Frauen in einer Landschaft, mit Hüten, Schleifen, Rüschenkleidern. „Junge Frauen pflücken die Früchte der Erkenntnis oder Wissenschaft“ nannte die fast Fünfzigjährige das Gemälde. Kunsthistorisch stellte sie damit ein altes Motiv vom Kopf auf die Füße. Denn Cassatts Frauen waren keine Allegorien, keine Symbole für Wissen, Forschung oder Wahrheit. Sie standen Männern zu. Eingedrungen in den Garten der Erkenntnis waren auf ihrem Bild plötzlich ganz normale Frauen, bekleidet und gelassen in der Anmutung. Nur auf den ersten Blick schien Cassatts Gemälde ein erfreuliches spätimpressionistisches Genrebild zu sein. Auf den zweiten Blick war es ein Manifest. Bei der Kritik fiel es durch.

Eine prächtige Schau

Ein Ausschnitt dieses Gemäldes ist nun in der Ausstellung „Impressionistinnen“ in der Frankfurter Schirn zu sehen - zusammen mit zahlreichen weiteren Werken von Mary Cassatt, Berthe Morisot, Eva Gonzalès und Marie Bracquemond. Es ist eine prächtige Schau, feierlich gehängt vor dunkelgestrichene Wände, wodurch die Farben umso leuchtender strahlen: mehr als hundertfünfzig Gemälde, Zeichnungen und Radierungen, zusammengetragen aus Dutzenden von Privat- und Museumssammlungen. Worum es geht, ist aber nicht, vier Frauen postum freundlich auf die Schulter zu klopfen. Was die Kuratorin Ingrid Pfeiffer in der Schirn zusammengebracht hat, rammt mit der Wucht eines Schaufelbaggers in die Kunstgeschichte: Wie Geröll werden dem Betrachter alte Klischees vor die Füße gekippt, das ausgehobene Loch danach mit neuem Fundament ausgegossen. Hinter diese Ausstellung werden Museen und Kuratoren nicht mehr zurückkönnen.

Die erstaunliche Erkenntnis ist folgende: Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès und Marie Bracquemond stellten im Paris der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts sowohl im offiziellen Salon als auch im sogenannten Salon des Refusés aus; sie waren Kollegen von Edgar Degas oder Édouard Manet, mit denen sie sich maßen, austauschten oder auch stritten. Sie wurden ab 1874 zu fast allen sogenannten Impressionisten-Ausstellungen eingeladen - den Namen gab man den Gruppenschauen erst später. Wie ihre männlichen Kollegen hatten sie Erfolge, Skandale, Anhänger und Feinde. Sie wurden - das allerdings mehr als ihre männlichen Kollegen - von Kritikern getadelt, beschimpft oder auch verlacht. Nur: Von niemanden wurden die Impressionistinnen so schlecht behandelt wie von den Kunsthistorikern.

Slalom um große Frauen

Das hatte einschneidende Folgen. Julius Meier-Graefe etwa, der im deutschsprachigen Raum Degas, Renoir und Manet zu Ruhm verhalf, tat verbissen so, als hätte es keine dieser Malerinnen gegeben. Wo ihre Namen auf Ausstellungsplakaten erschien, ließ er sie weg; wo sie von der Kritik gefeiert wurden, schwieg er. Seine Schriften lesen sich heute so, als habe er sich die heimliche Aufgabe gestellt, Slalom um große Frauen zu schreiben. Seine Kleinlichkeit, so albern sie rückblickend wirkt, führte immerhin dazu, dass deutsche Museen im frühen zwanzigsten Jahrundert fast keine Werke der Impressionistinnen ankauften.

Obwohl Kunsthistorikerinnen wie Griselda Pollock oder Linda Nochlin seit den achtziger Jahren dagegen anschrieben, änderte sich an der Ausstellungsrealität bis vor kurzem nichts. Während Manet, Monet, Degas oder Renoir so viele Retrospektiven hatten, dass man mit dem Zählen nicht mehr nachkommt, gab es bis heute keine für Berthe Morisot in Paris - geschweige denn für Gonzalès und Marie Bracquemond. Einzig die Amerikaner scheinen zu wissen, was sie an Mary Cassatt haben, und würdigen das auch in Ausstellungen.

Gedreht und getrickst

Und damit wären wir beim hartnäckigsten Klischee angekommen: Die Kunstgeschichte lebt noch immer von Außenseitermythen, von Bildern, die mit feldherrenhaftem Pathos als Provokationen gefeiert werden - oft gegen jede historische Evidenz. Die Frankfurter Ausstellung macht mit einem Schlag deutlich, wie gedreht und getrickst werden muss, um noch jeden weiblichen Akt in der Kunstgeschichte zu einer revolutionären Tat zu erklären. Der Erfolg mochte sich bei manchem malenden Mann mit ein wenig Verspätung einstellen. Systematisch ausgegrenzt wurde aber nicht die Kunst von Männern, sondern die von Frauen. Man verbot ihnen die Kunstakademien, das öffentliche Leben, die Restaurants oder Bars, die sie nicht ohne Begleitung besuchen durften. Das Café Guerbois und das Café Nouvelle-Athènes am Montmartre, in dem sich ab 1876 die Impressionisten trafen, blieben für sie geschlossen.

In Frankfurt ist nun zu sehen, was diese vier Künstlerinnen daraus machten. Die Ausstellung zeigt die Werke monographisch, so dass die stilistischen Unterschiede deutlich hervortreten: das Auflösen von Person und Hintergrund in der fedrigen Pinselführung bei Berthe Morisot, das plastische Herausschälen von Menschen in den Bildern Mary Cassatts, Eva Gonzalès' Einsatz von grellem Rot oder das pointillistische Glühen bei Bracquemond.

Bilder vom privaten Leben

Die Arbeiten eint, dass sie vom privaten Leben handeln. Alle vier malten zusammen mit ihren Schwestern und saßen sich gegenseitig Modell. Die Bilder erzählen von Haus, Garten, Ausflügen in die Natur oder zum Hafen. Wir sehen vor allem familiäre Szenen, häufig mit Kindern oder Jugendlichen, selten mit Männern und Vätern. Es sind eigenwillige Motive darunter: die alte Mutter von Mary Cassatt, groß, dunkel, von einer felsenhaften Würde - für den jugendbewegten Impressionismus ein seltener Anblick. Oder die leeren Stühle bei Berthe Morisot: Mit wenigen Strichen schiebt die Malerin sie in die Bildecken, und der Betrachter ordnet sie den wegeilenden Mädchen zu, deren Anblick man nur von hinten erhascht, flüchtig, in Eile, auf dem Sprung ins nächste Bild. Wo die männlichen Kollegen Frauen, Mädchen und Kinder oft unbeweglich wie Blumen in einem Beet vor uns aufpflanzen, fangen die Malerinnen diese private Welt in all ihrer beiläufigen Flüchtigkeit ein.

Die Revolution bestand nicht darin, nackte Frauen auf Sofas zu malen. Wie uns die Frankfurter Ausstellung lehrt, kam die Provokation in Form von Damen in hochgeschlossenen Kleidern, die im Garten der Erkenntnis Früchte pflücken. Oder Mädchen, die mit fliegenden Haaren aus dem Bild rennen.

Impressionistinnen. In der Frankfurter Kunsthalle Schirn bis zum 1. Juni. Der bei Hatje Cantz erschienene Katalog kostet in der Ausstellung 29,80 Euro.



Text: F.A.Z., 22.02.2008, Nr. 45 / Seite 33
Bildmaterial: 2007 Board of Trustees, National Gallery of Art, Washington, AP, bpk / RMN / Hervé Lewandowski, dpa, Musee Marmottan, Paris, France/ Giraudon/ The Bridgeman Art Library, Schirn

 
Marie Bracquemond auf einem Porträt von 1886... Mary Cassatt im Jahr 1914... Eva Gonzalès um 1874... Berthe Morisot (1841-95) auf einer undatierten Aufnahme... Maty Cassatt: Frau in rotem Mieder mit Kind, um 1901
Eva Gonzalès: Une loge aux italiens, ca. 1874 Mary Cassatt: Child in a Straw Hat, ca.1886 Mary Cassatt: Woman Bathing, 1890-91 Eva Gonzales: “Der Haarknoten“, 1865-1870 Mehr als hundertfünfzig Gemälde, Zeichnungen und Radierungen ...und im Selbstporträt (um 1870) ...und im Selbstporträt (1878) ...und im Selbstporträt (undatiert) ...und im Selbstporträt (1885) Eva Gonzalès: Le réveil, 1877-78 Berthe Morisot: Porträt von Julie, 1889 Berthe Morisot: La pleine de Gennevilliers ou Percher de blanchisseuse, 1875 Marie Bracquemond: Le goûter, 1880 Dunkelgestrichene Wände lassen die Farben umso leuchtender strahlen