Von Konstanze Crüwell
17. Mai 2008 Der kleine Prinz mit den blonden Locken steckt in einem vornehmen roten Wams, wirkt jedoch keineswegs zeremoniell, sondern schaut erwartungsvoll und ziemlich kritisch drein: Lucas Cranach d. Ä., der geniale Menschenbeobachter, hat mit seinem Porträt des Prinzen Moritz von Sachsen (1521–1553) ein überaus lebensvolles, gleichsam allgemeingültiges Bild vom Jungsein gemalt, das uns jahrhunderte- und schichtenübergreifend noch heute berührt.
Sein Bildnis des späteren sächsischen Kurfürsten, dem großen Gegenspieler von Karl V. bei der Verbreitung des protestantischen Glaubens, ist jetzt zusammen mit dem Cranach-Porträt des Bruders im Schloss Fasanerie zu sehen: Die beiden Gemälde gehören zu den frühesten und schönsten Kunstwerken der Ausstellung Fürstenkinder. Porträts vom 16. bis 20. Jahrhundert im Hause Hessen“, die seit gestern dort und im Badehaus des Schlosses zu sehen sind.
Mehr als 100 Gemälde und Zeichnungen aus sechs Jahrhunderten
Unter den mehr als 100 Gemälden und Zeichnungen aus sechs Jahrhunderten bilden die Porträts junger hessischer Prinzessinnen und Prinzen, der Kinder regierender Landgrafen, Großherzöge und Kurfürsten von Hessen naturgemäß einen Schwerpunkt. In großer Zahl werden aber auch Kinderbilder von Freunden oder Verwandten gezeigt, wie den Königen von Preußen oder England. Dort ließ Queen Victoria ihre Kinderschar am allerliebsten von Franz Xaver Winterhalter malen, etwa im Jahr 1845 die kleine Alice (1843–1878), die 1862 Prinz Ludwig von Hessen und bei Rhein heiratete. Dieses bezaubernde Bildnis des knapp zweijährigen Kindes im rosa Rokoko-Kostüm – die Eltern liebten Kostümfeste und Verkleidungen über alles – gehört in dieser Ausstellung ganz sicher zu den Favoriten aus dem 19. Jahrhundert. Die winzige englische Prinzessin ist neben dem prachtvollen Winterhalter-Porträt der Landgräfin Anna von Hessen-Kassel, einer preußischen Prinzessin (1836–1918), im Schloss Fasanerie zu sehen. Dort hängen überhaupt viele der zur Fürstenkinder“-Ausstellung gehörenden Porträts von Kindern der Kasseler Linie, darunter auch ein besonders schönes des späteren Landgrafen Wilhelm VI. von Hessen-Kassel im Alter von zwei Jahren.
Pausbäckiges Prinzchen im goldverzierten Samtkleid
Kaum ein Jahr älter, aber schon in der Pose des absoluten Herrschers scheint der spätere Großherzog Ludwig I. von Hessen-Darmstadt (1753–1830) auf den Betrachter zu blicken, ein pausbäckiges Prinzchen im goldverzierten Samtkleid. Doch lächelte er kindlich vergnügt vor sich hin, als er samt Hund um 1756 auf einem veritablen Thronsessel von Emanuel Hagelgans porträtiert wurde. Bevor Liebesheiraten auch bei höchsten Herrschaften üblich wurden, dienten die Porträts auch der Heiratspolitik. So ließ Amalie Prinzessin von Baden (1754–1832), Tochter von Landgraf Ludwig IX., sich und ihre Töchter sehr dekorativ von Charles Huin porträtieren. Mit Erfolg: Die Schwiegermutter Europas“ verheiratete fünf Töchter mit einflussreichen Herrschern.
Das 20. Jahrhundert ist mit einem reizvollen Jugendstil-Bildnis der Prinzen Donatus (1909–1937) und Ludwig (1908–1968) von Hessen und bei Rhein vertreten, das Wilhelm Adolf Hildebrandt um 1912 malte. Und aus dem 21. Jahrhundert stammen die anziehenden Porträts, die Elena und Mafalda von Hessen, die Töchter von Landgraf Moritz und beide ausgebildete Künstlerinnen, jüngst selbst von ihren Kindern malten.
Eine sehenswerte, erfreuliche Ausstellung: Sichtbar wird, dass im Unterschied zu manchen anderen früher regierenden Familien das Haus Hessen seinen Kunstbesitz als Patrimonium betrachtet, den es hegt, pflegt und bewahrt – und dem Publikum zugänglich macht.
Die Ausstellung Fürstenkinder. Porträts vom 16. bis 20. Jahrhundert im Hause Hessen“ ist bis 2. November, Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr im Schloss Fasanerie, Eichenzell bei Fulda zu sehen. Der Katalog erscheint erst im Juli.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Hessische Hausstiftung
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