„Tigerpalast“

Der ehrliche Meisterdieb

Von Hans Riebsamen, Frankfurt

Da lacht der Staatssekretär: Aber jetzt ist Boris Rhein auch noch seine Krawatte los.

Da lacht der Staatssekretär: Aber jetzt ist Boris Rhein auch noch seine Krawatte los.

16. Dezember 2009 

Dem Stoiber die Lederhosen ausgezogen haben andere, nämlich seine CSU-Amigos. Charlie Borra hat dem früheren bayerischen Ministerpräsidenten lediglich vor einiger Zeit bei einer Vorstellung im Zirkus Krone die Brieftasche aus der Jacke gezogen. Unter die Gürtellinie geht der Welt bester Taschendieb nämlich nie. Jedenfalls nicht unter die moralische.

In die Gesäßtasche oder die Hosentaschen seiner Zuschauer greift der charmante Mann aus dem österreichischen Graz dagegen in jeder seiner Shows. Frankfurts CDU-Vorsitzender und Staatssekretär Boris Rhein hat es vor einigen Wochen im „Tigerpalast“ bei der Premiere des Winterprogramms am eigenen Leib erfahren müssen. Gut gelaunt ließ er sich auf die Bühne bitten – und am Ende fehlten ihm nicht nur Geldbörse und Handy, er vermisste nach einem geschickten Zugriff Borras am Ende sogar seine Krawatte.

Das Klauen hat Tradition in seiner Familie

Borra ist ein Dieb. Aber ein ehrlicher. Er beklaut Männer – Frauen lässt er aus Gründen des Anstands niemals zu „Opfern“ werden – auf offener Bühne, gibt ihnen seine Beute jedoch am Ende immer zurück: Brieftaschen, Stifte, Mobiltelefone, Uhren, Krawatten, Brillen. Borras Fingerkünste bereiten allen Vergnügen: ihm selbst, den Zuschauern und sogar den „Opfern“. Zumindest, wenn sie über sich selbst lachen können. Diese Gabe ist allerdings nicht jedem gegeben. Der hiesige Polizeipräsident reagierte jüngst arg verkniffen, als Borra ihn vor aller Augen ausnahm. Dabei ist der Mann mit den schnellen Fingern doch ein Freund und Helfer der Polizei. In fast allen Städten, in denen er auftritt, gibt er Kurse, in denen er Kriminalbeamte für den Kampf gegen Taschendiebe trainiert. „Um einen Dieb fangen zu können, muss man wie ein Dieb denken“, sagt Borra.

Das Klauen hat Tradition in seiner Familie. Charlie Borra hat den Titel „König der Taschendiebe“ von seinem Vater Boris übernommen. Der hat vor fünfzehn Jahren Marcel Reich-Ranicki im „Tigerpalast“ die Brille vom Gesicht geklaut. „Fehlt Ihnen was?“, fragte er den ohne Sehhilfe fast blinden Literaturpapst mehrmals. „Nein, nein“, stammelte der sonst so wortgewaltige Kritiker und griff nach seinem Geldbeutel und seiner Uhr. Sohn Charlie steht dem Vater in nichts nach. Auch er beherrscht die hohe Kunst, die „Opfer“ so zu verwirren, dass sie nicht einmal das Fehlen ihrer Brille bemerken.

Gut geklaut in Kopenhagen

Wie wird man ein Meisterdieb? Indem man bei einem Meisterdieb in die Lehre geht. Charlie Borra hat bei seinem Vater, einem klassischen Patriarchen, gelernt, fünf harte Jahre lang. Er hat nicht an Puppen trainiert, wie es die Diebe bei Charles Dickens tun, sondern am lebenden Objekt. Unabdingbar ist dabei eine hohe Fingerfertigkeit, wie sie auch Zauberer besitzen. Charlie Borra hat sechs bis acht Stunden am Tag geübt: Tricks mit Karten und Münzen, aber auch Klavierspielen, Tanz und andere Bewegungsabläufe. Nach fünf Jahren sagte sein Vater: „Geh mit Gott, aber geh!“ – und gab ihm zum Abschied 1000 Schilling und einen alten Austin 1100. Mit diesem bescheidenen Startkapital begann Borra vor vier Jahrzehnten seine Karriere.

Lange hat er bei Anfragen von Zirkussen oder Varietés zurückgefragt: „Meinen Sie mich oder meinen Vater?“ Nach einem Engagement vor drei Jahrzehnten in Kopenhagen, wo er den Finanzminister, den Bürgermeister und andere illustre Persönlichkeiten beklaute, war sein Name dann aber in der Branche ein Begriff. Seither hat er sich erfolgreich durch ganz Europa gefingert. Seit sein Vater vor zwölf Jahren gestorben ist, gilt der mittlerweile 64 Jahre alte Charlie Borra als der allein regierende „König der Taschendiebe“. Fürst Rainier von Monaco hat ihm unfreiwillig seine Geldbörse ausgeliefert, David Niven suchte nach einem Händedruck seine Uhr, und Jacques Lang, dem früheren französischen Kulturminister, hat Borra jede Tasche an dessen Anzug geleert. Viele, viele Könige und Prinzen stehen auf seiner „Opfer“-Liste.

Psychologie und Schnelligkeit

Jeweils 20 Minuten lang steht Borra auf der Bühne. Das ist für einen Varieté-Künstler eine halbe Ewigkeit. Seine „Opfer“ wählt er gezielt aus. Vor der Vorstellung begutachtet er die Gäste beim Betreten des Saals und fasst ein Dutzend Leute ins Auge. Während seines Auftritts wählt er dann aus diesem Dutzend in der Regel drei Männer aus, die ihm geeignet erscheinen. Sie müssen ein freundliches Wesen besitzen und dürfen keine Aggressivität ausstrahlen. Denn Borra will mit seinen Bühnenpartnern nicht in einen Kampf treten, sondern an ihnen seine Kunst demonstrieren.

Psychologie und Schnelligkeit sind seine Mittel, mit denen er ihnen gegenübertritt. „Ich habe jeden Tag eine Premiere, denn ich weiß nie, wie es ausgeht“, sagt Borra. Vor allem das richtige Timing ist wichtig beim Klauen. Mit Worten lenkt er die Aufmerksamkeit der „Opfer“ auf eine Stelle ihrer Kleidung oder ihres Körpers, um blitzschnell an einer anderen Stelle die Uhr oder das Handy zu schnappen. Die hohe Kunst besteht darin, Menschen jedes Charakters in das fröhliche Spiel einzubinden. „Ich muss bei dieser Arbeit auch Steine erweichen können“, sagt Borra.

Gegen echte Diebe ist Borra allerdings allergisch

Für ihn ist jeder Auftritt harte Arbeit, während einer Nummer verliert er bis zu einem halben Liter Flüssigkeit. Seine Auftritte beginnen freilich nicht sofort mit dem Klauen, zuerst zaubert er mit Hilfe einer Zigarette schöne Rauchringe in die Luft. Einer dieser Ringe hängt am Ende wie ein Heiligenschein über seinem Kopf. In diesem Teil der Nummer versucht Borra, die Aufmerksamkeit des Publikums zu wecken und auf seine Person zu lenken. Erst danach holt er Leute auf die Bühne und demonstriert seine Fingerkünste.

Gegen echte Diebe ist Borra allerdings allergisch. Sein ganzes Berufsleben lang ist er ihnen entgegengetreten, indem er die Polizei über ihre Tricks aufklärte. Viele Male schon hat er in U-Bahnen oder in Menschenansammlungen Taschendiebe gesehen – und sie mit seinen Blicken von der bösen Tat abgehalten, denn: „Diebe merken sofort, wenn sie beobachtet werden.“ Er selbst hat noch nie gestohlen. „Ein solcher Gedanke ist mir niemals in den Sinn gekommen.“

Im „Tigerpalast“ ist Charlie Borra noch bis zum 13. Februar zu sehen. Vorstellungen dienstags, mittwochs und donnerstags jeweils um 19 und 22 Uhr, freitags und samstags um 19.30 und 22.30 Uhr, sonntags um 17 und 21 Uhr.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Wonge Bergmann

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