Von Michael Hierholzer
05. September 2006 Dem Literatur-nobelpreisträger schlug viel Sympathie entgegen im Frankfurter Opernhaus, dessen Parkett und Ränge vollbesetzt waren. Auch als er für sein langen Schweigen über seine Zeit bei der Waffen-SS die nicht eben leicht verdauliche Erklärung parat hatte, ein Schriftsteller habe das gute Recht, so lange zu warten, bis eine Sache ausgereift sei, und müsse erst einmal eine Form finden, um gewisse Vorgänge zu artikulieren. Ebenfalls Applaus erhielt Günter Grass für seine mit Bestimmtheit vorgetragene Bekundung: Ich kann garantieren: Ich lasse mir den Mund nicht verbieten.
Zugehörigkeit zur Waffen-SS im Interview gestanden
Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die diesen Abend mit dem BlechtrommelAutor veranstaltete, warf er vor, die in seinem autobiographischen Buch Beim Häuten der Zwiebel erwähnte Zugehörigkeit zur Waffen-SS besonders herausgehoben zu haben. Hubert Spiegel, Literaturchef dieser Zeitung, wies dagegen darauf hin, daß Grass in dem zwei Zeitungsseiten umfassenden und von dem Schriftsteller autorisierten Interview viel Raum gehabt habe, sich frei zu äußern.
Das kurze Gespräch zwischen Grass und Spiegel bildete das Scharnier zwischen den beiden Teilen einer Lesung aus dem etwa 500 Seiten starken Erinnerungsbuch. Grass las zu Beginn eine Episode über einen blonden und blauäugigen Jungen vor, der genau in das Bild der Nationalsozialisten von der nordischen Rasse gepaßt, aber beim Arbeitsdienst kein Gewehr angefaßt habe und deshalb letztlich ins KZ gekommen sei. Eine andere Passage handelte von einer gefährlichen Feindberührung während Grass' Militärzeit. Frank Schirrmacher, Mitherausgeber dieser Zeitung, hatte zu Beginn der Veranstaltung aus Max Frischs Tagebuch Stellen über Günter Grass zitiert, die diesen als selbstbewußten jungen Autor in Erinnerung rufen.
Text: F.A.Z., 06.09.2006
Bildmaterial: F.A.Z. - Helmut Fricke