Stuhl, Nistkasten, Hammer: 175 Jahre Frankfurter Kunstverein: Auktion im Steinernen Haus

27. Oktober 2004 Der Abend stand im Zeichen der Verführung. Schöne junge Menschen, in stilvolles Schwarz gekleidet, begrüßten mit einem Sektcocktail das ebenfalls modebewußte Publikum im Steinernen Haus. Die illustre Mischung aus Mitgliedern des Frankfurter Kunstvereins, Sammlern, Privatleuten und Unternehmern flanierte vor Beginn der Benefizauktion durch die Ausstellungsräume, um die Gemälde, Fotografien und Skulpturen zu betrachten, die der Kunstverein anläßlich seines 175 jährigen Bestehens zur Versteigerung anbot. "Wenn ich kaufe, dann nicht wegen des Namens, sondern weil mir's gefällt. Ich kaufe mit dem Herzen", sagt eine junge Frau mit schwäbischem Akzent, während sie einen Stuhl mit Stahlbeinen betrachtet, dessen Sitz und Lehne aus knalligen Textilbändern in Rot, Gelb und Orange gewoben sind - eine Plastik von Franz West. Ein paar Meter weiter beäugt ein älterer Herr einen Nistkasten, der an der Wand angebracht wurde. Darauf ein Papierschild, das Sinn und Funktion des Kastens erläutert. Der Blick der Betrachters, der das Werk Maria Eichhorns abtastet, ist skeptisch. Im Hintergrund zischt eine Blondine in Lederrock und kniehohen Stiefeln ihrem sonnengebräunten Begleiter zu: "Also, ich muß dir sagen, die meisten Namen hier sagen mir gar nichts." Dabei stammen die 102 Werke, die heute abend versteigert werden sollen, doch allesamt von Künstlern, die in den letzten zwei Jahrzehnten im Steinernen Haus ausgestellt haben.

Oben im Saal wartet schon Christiane Gräfin zu Rantzau, Chefin von Christie's Deutschland, die die Auktion leiten wird. Sie steht hinter dem Pult, ist mit einem großen Hammer bewaffnet. Die Kunstfachfrau in roter Brokathose und Perlenkette beweist Talent zur Verführung. Als "absolut hip und sehr angesagt" preist sie Andre Butzer an, dessen Bleistiftzeichnung sogleich mehrere Interessenten findet. "Setzen sie noch eins drauf, und das Bild ist Ihres", sagt von Rantzau und lächelt den Erstbieter betörend an. Der männliche Kunstliebhaber kann nicht widerstehen und akzeptiert auch den höheren Preis. Franz Wests "Onkel Stuhl" ist der letzte der Serie und daher besonders verlockend. Gebot folgt auf Gebot. Souverän und erfreut geht die Gräfin auf jedes neue Nummernschild ein, das in die Höhe schnellt. Schließlich ersteigert ein Herr im eleganten Anzug den Stuhl für 1700 Euro. "Der ist so schön häßlich in den Farben. Und für meine Gäste bestens geeignet", begründet er später sein Gebot und lacht.

Ein Höhepunkt der Versteigerung ist auch der Auktionshammer selbst. Andreas Slominski, dem es mit seinen konzeptuellen Werken allemal gelingt, das Publikum zu irritieren, hat ihn zum Kunstwerk erklärt. Sein Wert wurde auf 4000 Euro angesetzt. Nachdem ein Telefonbieter ausscheidet, geht der Hammer für 8000 Euro an einen älteren Herrn, der ihn sogleich samt Holzkasten überreicht bekommt und fortan wie einen Schatz in Händen hält. Die Auktionatorin zieht einen kleinen Ersatzhammer aus der Tasche, während eine weibliche Raucherstimme aus den hinteren Reihen ertönt: "Ein bißchen mehr Action, bitte!" Die Stimme gehört einer braun gebrannten Dame, die bald gelangweilt den Raum verläßt.

"Man darf nie vorher sagen, was man will", äußert sich eine Frau nach der Veranstaltung enttäuscht. Sie bedauert, den Nistkasten nicht bekommen zu haben. Sie hätte Maria Eichhorns Kunstwerk gerne auf ihren Balkon gehängt. Nicolaus Schafhausen, Leiter des Frankfurter Kunstvereins, ist mit dem Gesamtergebnis zufrieden. Am Ende sind nur etwa 25 Arbeiten zurückgegangen. Der Ertrag von 104000 Euro fließt in die kommenden Veranstaltungen der Institution.

Die Gräfin läßt sich nach getaner Arbeit in einem der Sessel im Parterre des Steinernen Hauses nieder, raucht eine Zigarette und bekennt: "Eine Auktionatorin muß verführerisch sein." ANNA-LISA DIETER

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