26. Juni 2006 Berlin-Moskau. 1800 Kilometer zu Fuß. Das hat dem Bundespräsidenten Respekt abgenötigt. Berlin-Moskau. Da wäre Horst Köhler gerne einmal mitgelaufen. Oder bei der späteren Umrundung des Vaterlands. Deutschland. Eine Reise heißt dieses bislang letzte Reisebuch von Wolfgang Büscher. Köhler hat es gelesen, wie er auch Berlin-Moskau gelesen hat. Und Drei Stunden Null, für das Büscher die Berliner Stadtgrenze abgeschritten hat.
Dieser Autor, der in der Frankfurter Paulskirche mit dem Ludwig-Börne-Preis geehrt worden ist, hat sich seinen Stoff regelrecht erlaufen. Köhler, der als diesjähriger Preisrichter Büscher als Preisträger bestimmt hat, sprach in seiner Laudatio von einem Mann, der bewandert ist: Büschers Wanderbücher steckten voll von den erstaunlichsten Erfahrungen, Entdeckungen und Erkenntnissen. Der Autor, dies hat der Bundespräsident bei der Lektüre dieser Bücher festgestellt, ist kein Ideologe, auch kein Theoretiker. Wenn Büscher eine Weltanschauung besitze, dann komme sie aus der tatsächlichen Anschauung der Welt.
Buntheit, Fremdheit, Skurrilität
In Deutschland. Eine Reise wundert sich der Autor an einer Stelle darüber, wie schlecht er sein Land bisher gekannt hat. Ähnlich ist es offenbar auch dem Bundespräsidenten ergangen. Das Buch habe ihm ein Deutschland gezeigt, so gestand Köhler ein, das ihn in seiner Buntheit, Vielgestaltigkeit, seiner Fremdheit, seiner Skurrilität und Liebenswürdigkeit erstaunt und verwundert hat. Dies sagt ein Politiker, der qua Amt unzählige Besuche im Norden, im Süden, im Osten und im Westen der Republik absolviert, der jeden Tag neue Menschen trifft, der jede Menge Informationen erhält, die anderen verschlossen bleiben.
Doch wer in der ratternden Alltagsmühle steckt, dem fällt es offenbar nicht leicht, die Dinge und Menschen genau zu erfassen. Köhler hat denn auch die Quintessenz von Büschers Art der Erfahrungssammlung so charakterisiert: Im Zufußgehen vergeht die rasende Geschwindigkeit der Eindrücke, die uns die Medienwelt sekündlich präsentiert.
Doch nicht nur deshalb hätte der Bundespräsident an Büschers privatem Projekt der Entschleunigung, das die Wahrnehmung intensiviere, gerne ein wenig teilgenommen. Er schätzt den Autor auch, weil dieser - kein unpolitischer Schriftsteller - die Geschichte und die Schrecken genau kenne. Büscher gehe mit leichtem Gepäck, aber: Er geht mit der Last der Geschichte. In dessen Werk glaubt Köhler auch etwas gefunden zu haben, das man Vaterlandsliebe nennt. Eine wie selbstverständliche Liebe zu diesem Land, eine leise Liebe, auch eine Liebe mit gelegentlichem Spott. Was dieses Land zusammenhält? Wenn man, so der Bundespräsident, Büscher glaube, dann ganz offenbar vor allem der Wille, es besser zu machen. Besser zu machen als in der Vergangenheit.
Renaissance des Erzählens
Büscher dagegen sprach in seiner still-leidenschaftlichen Dankesrede vom Erzählen und dessen Renaissance. Einem Erzählen, das in Deutschland, vor allem im neuen Deutschland nach dem Krieg, gegenüber der Kritik zu kurz gekommen sei. Die Kritik, so diagnostiziert der Autor, war in seiner Generation mit sich selbst allein. Eine solche Kritik tendiere aber zum Lagerkoller, und der tendiere zum Lager. Eines Morgens wache man indes auf, klopfe den Staub der Kritik aus den Kleidern, gehe auf Reisen und schreibe neue Lieder.
Natürlich braucht ein Land eine Kultur der Kritik, weiß Büscher: Sonst veröde es. Aber es brauche auch eine Kultur des Erzählens, sonst verdorre es. Er als wandernder Autor hat deshalb einen stillen Vertrag mit dem Land abgeschlossen, dessen Paragraph 1 lautet: Ich gebe mich dir in die Hand für einen Sommer. Dafür gibst du mir dein Gemurmel, dein Geheul, deine Bilder.
Daß auch der Kritiker Börne, dessen Werk mit dem Preis lebendig gehalten werden soll, ein großer Erzähler war, belegen einige jener Briefe aus Paris, die gestern der Schauspieler Mario Adorf vorgetragen hat. Börnes Schilderungen der dortigen Künstlergesellschaften oder Zimmerwirtinnen sind bei aller ironischen Sprachartistik voll von Geschichtchen und Anekdoten. Mir hocken 30 Millionen Deutsche auf dem Rücken, klagte Börne. Büschers Rückenlast zählt 80 Millionen Deutsche. Und auch hier gilt Börnes Feststellung: Die sind sehr schwer.
Text: F.A.Z., 26.06.2006
Bildmaterial: AP