Hip-Hop

„Kraß, ich bin ein Bastard“

Von Anna-Lisa Dieter

D-Flame an seinem Arbeitsplatz

D-Flame an seinem Arbeitsplatz

06. März 2005 „Jeder, der mich kennt, weiß, ich bin der Rapper, der wie Feuer brennt.“ Seit seinem Debütalbum „Baßtard“ aus dem Jahr 2000 ist D-Flame den Kennern der deutschen Hip-Hop-Szene ein Begriff. Das auffälligste Kennzeichen des Frankfurters ist seine tiefe Stimme. „Bassig“ nennt er sie selbst - daher die eigene Schreibweise des Albumtitels.

„Bastard bedeutet Mischling zwischen zwei Rassen und uneheliches Kind“, liest D-Flame irgendwann mal zufällig im Wörterbuch. „Kraß, ich bin ein Bastard“, stellt er überrascht fest. Es muß ein seltsames Gefühl gewesen sein: Das Wort, das er bisher nur als Schimpfwort kannte, wird auf einmal zu seiner Identitätsmarke.

Der Musiker ist der uneheliche Sohn einer in den Westen geflohenen Deutschen und eines amerikanischen Soldaten. „Meine Eltern haben sich sehr geliebt“, erzählt er. Trotzdem geht ihre Geschichte nicht gut aus. Als seine Mutter schwanger wird, muß der Vater ins Gefängnis: „Er hatte Probleme mit dem Gesetz.“ Ein paar Tage später wird er ausgewiesen, auf Lebenszeit. Flame hat seinen Vater nur einmal gesehen - vor ziemlich genau dreißig Jahren.

Überschreitung der Genregrenzen

„Bastard“ ist auch das Wort, das die musikalische Identität des Dreiunddreißigjährigen bezeichnet. So gewendet, bekommt es eine positive Bedeutung, steht für eine Überschreitung der Genregrenzen: „Ich liebe Hip-Hop, und ich liebe Reggae.“ Von dieser doppelten Leidenschaft zeugt sein erstes Album, der größte Erfolg des Rappers. Die erste Singleauskoppelung „Heißer“ lief Anfang 2000 die Radiokanäle rauf und runter. MTV und Viva spielten das Video zum Lied in Endlosschleife.

„Ich habe 15 Jahre lang gewartet und hart gearbeitet, Geld investiert und Geld verloren, Studios gehabt und Miete gezahlt. Und dann ging auf einmal alles Schlag auf Schlag.“ Es ist die Zeit des deutschsprachigen Hip-Hops. Viele junge Rapper unterschreiben bei großen Plattenfirmen, den sogenannten „Major Labels“, und erklimmen die Charts. Die Erfolgswelle des Deutschrap erfaßt auch D-Flame. In Hamburg bietet man ihm einen Plattenvertrag an. Album, Single, Video: „Blitzschnell bin ich in die Hauptliga der deutschen Rapper geschossen.“

Immer ein derber Spruch

Zahlreiche Fans nicken nun im Takt seines rauhen Sprechgesangs mit dem Kopf und jubeln ihm zu. Dunkle Hautfarbe, kräftige Statur, zwei goldfarbene Schneidezähne und immer ein derber Spruch auf den Lippen: D-Flame ist - rein äußerlich betrachtet - die idealtypische Verkörperung des amerikanischen Gangsterrappers, ein seltener Anblick auf deutschen Bühnen.

Der Frankfurter weiß um seine verruchte Aura - schon 1991 wurde er zum härtesten Rapper Frankfurts gekürt, eine „Auszeichnung“, die ihn heute nur noch nervt. Er kennt die Kluft zwischen imagewirksamer Fassade und dem Menschen dahinter, der mehr ist, als die Attribute „hart“ oder „Gangster“ suggerieren mögen.

Daniel, die reale Person hinter der Marke „D-Flame“, ist deshalb auch das Zentrum seines zweiten Albums. Es erscheint 2002 und ist ganz dem Hip-Hop gewidmet. „Daniel X - eine schwarze deutsche Geschichte“ lautet der Titel der gerappten Biographie. Die stellt er - der Titel signalisiert es - in Bezug zu Malcolm X, „seinem größten Leader“.

Schwierige Kindheit und Jugend

Mit dem Führer der amerikanischen Schwarzenbewegung verbindet ihn einiges, etwa eine schwierige Kindheit und Jugend. In der Nordweststadt, einem Neubauviertel im Norden Frankfurts, wächst der Hip-Hopper auf - mit einer überforderten Mutter und ohne Vater. In der Schule leidet er unter dem latenten Rassismus seiner Lehrer, kassiert einen Schulverweis nach dem anderen und rutscht immer tiefer ins kriminelle Milieu ab - Drogenhandel, Einbrüche, Gefängnis. „Malcolm X fand seine Erlösung im Islam. Ich habe meinen Ausweg im Islam und im Hip-Hop gefunden“, sagt der Musiker, der wie „seine Inspirationsfigur“ Muslim ist, jedoch „nicht fundamentalistisch“.

Seine Lebensgeschichte in Albumform verkauft sich nicht so gut wie sein Erstling. Für ihn persönlich hat sich die Arbeit dennoch gelohnt: „Auch wenn ich nur ein Exemplar verkauft hätte, wäre es trotzdem der größte Erfolg gewesen. Durch die Platte habe ich meinen vierten Sohn zurückbekommen.“ Den hat er zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von „Daniel X“ seit mehr als 13 Jahren nicht gesehen: Die Mutter wollte es nicht.

Ein Lied für seine Kinder

Auf dem Album widmet er das Lied „Das Wertvollste auf der Welt“ seinen vier Kindern, die erste Strophe seinem Erstgeborenen, der heute 15 Jahre alt ist. „Ich hoffe, du wirst irgendwann meine Lage verstehen. Eines ist klar, du bist ein Teil von mir“, heißt es darin. Ende 2002 trifft D-Flame seinen Ältesten wieder. „Ich habe die Platte in- und auswendig gehört. Ich weiß alles“, sagt der Junge seinem Vater, als der sich erklären will. Seit diesem Tag sehen sich die beiden regelmäßig. Klingt wie ein Happy-End. Fast.

2003 veröffentlicht D-Flame „Unaufhaltsam“, seine Reggaeplatte. Nach nur einer Single-Auskopplung stellt seine Plattenfirma die Vermarktung des Albums ein und kündigt den Vertrag - „eine riesengroße Enttäuschung“. Aufgeben kommt für den Rapper nicht in Frage. Der Titel seines gefloppten Albums spornt ihn an: „Unaufhaltsam“ arbeitet er seitdem an neuen Liedern, vorerst ohne den Druck einer Plattenfirma. „Ich genieße es, vogelfrei zu sein.“ Mit dem vierten Album will er musikalisch an sein Debüt anknüpfen. Es soll wieder Hip-Hop und Reggae verbinden: „Der Bastard muß einfach zurückkommen.“

D-Flame moderiert jeden Dienstag auf der Welle „You FM“ die Sendung „You FM-Sounds“, in der er von 21 Uhr an das Neueste aus R&B, Hip-Hop und Reggae präsentiert.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.03.2005, Nr. 9 / Seite R3
Bildmaterial: F.A.Z.-Michael Kretzer

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