Von Eva-Maria Magel
06. Mai 2008 Durch den Raum mit dem hölzernen, rohen Dachstuhl spannen sich weiße Gummibänder, in denen sich eine Frau verheddert. Oder vielmehr: Sie versucht, sich durchzukämpfen, mit immer neuen Mitteln. Das Anfangen, Anfänge, auch das Scheitern sind die Themen von Wiebke Dröges Solo.
Im Blick der Regisseurin Heike Scharpff, die in jüngster Zeit unter anderem mit dem Kollektiv Klimaelemente auch einige Arbeiten am Frankfurter Mousonturm gezeigt hat, ist aus dem 2007 entstandenen Tanzstück etwas anderes geworden. Mit voller Absicht. Scharpff hat sich auf bestimmte Szenen konzentriert und sie mit Dröge bearbeitet, eine Liveübertragung hinzugefügt – nach ihr werden andere Künstler andere Schwerpunkte setzen und dafür Dröges Solo wieder umgestalten, das sie im Original als DVD angesehen haben.
Implantate“ heißt eine Reihe, die fortan an jeden ersten Mittwoch im Monat im Frankfurter Kunstverein Familie Montez, einem mittlerweile recht bekannten Off-Ort der Stadt in der Breiten Gasse, stattfindet. Dort treffen sich wochenends Kunstfreunde und Partygänger; im oberen Stockwerk, Vogelzwitschern und Off-Off-Kunsthallenatmosphäre inklusive, wird es die nächsten fünf Monate jeweils zwei Performances und anschließend auch etwas zu trinken und einen Austausch der Gäste und Künstler untereinander geben. In einen Komposteimer“ können die Zuschauer sogar Kommentare werfen – was realisierbar ist, soll direkt in die Arbeit einfließen.
Wahl-Frankfurterin mit Lehraufträgen in Gießen und Costa Rica
Es ist sehr fruchtbar, Sachen zueinanderzubringen“, sagt die 39 Jahre alte Dröge – und sie muss es wissen. Seit 2001 lebt die gebürtige Dortmunderin, die Tanz und Sportwissenschaften studiert hat, in Frankfurt. An der Sportfakultät der Goethe-Universität lehrte und leitete sie bis 2006 den Schwerpunkt Tanz, Lehraufträge hat sie unter anderem an der Universität Gießen, aber auch in Costa Rica. Unter anderen betreute sie eine Gruppe Jugendlicher beim Performancefestival Unart“ der BHF-Bank-Stiftung und entwarf das Projekt Tanz in Schulen“ des Tanzlabors 21. Neben der Lehrtätigkeit hat sie selbst Tanzprojekte realisiert und andere betreut, auch in der Laienarbeit. Ohnepunkt“ heißt das Label, unter dem sie ihre Schwerpunkte Company – Coaching – Circulation“ anbietet, drei Arbeitsgebiete, die sich für sie bestens ergänzen: Ich trenne das nicht ganz hart die Pädagogik und die experimentelle Kunst.“ Die drei Arbeitsgebiete, die sie gern vernetzt, sichern ihr als Freischaffender auch ihre Unabhängigkeit.
Evelin Stadler, in Frankfurt ansässige Tänzerin, Choreographin, Tanzlehrerin und immer wieder Leiterin des Profitrainings des Tanzlabors 21 Rhein-Main und Dröge, haben die Idee gemeinsam ausgeheckt. Beide sind als Tänzerinnen und Performerinnen in Frankfurt keine Unbekannten, haben sich über das Tanzlabor und den Frankfurter Mousonturm vor einigen Monaten kennengelernt. Stadler hat im vergangenen Jahr in der Katharinenkirche Leise der Flug der Vögel – Exodus“ gezeigt, Dröge mit anderen Künstlern zusammen The Art of Getting Lost“. Stadlers Intanto non mi muovo“ und Dröges Extraordinary machine“, beide aus dem Jahr 2007, dienen nun als Grundlage eines interessanten Experiments.
Interaktion von vielen erwartet
An diesem Mittwochabend wird Evelin Stadler mit der Band Barstool Kings“ auftreten; weitere Kooperationen in den nächsten Monaten gibt es etwa mit dem Videokünstler Markus Bader, der Tänzerin Christine Bürkle, die Theaterwissenschaftlerin und Tanzlehrerin Malda Denana und anderen, die in Frankfurt leben oder arbeiten. Realisiert haben die beiden Frauen und ihre Gäste die Reihe vorerst auf eigene Faust – Projektanträge haben sie bei Stadt und Land aber eingereicht.
Die eine lässt Sequenzen, Motive, Phasen aus ihrer Arbeit herausnehmen, bei der anderen dringt eher jemand in das Gebaute ein wie Parasiten“, sagt Wiebke Dröge und meint das ganz positiv: Die Idee, über fünf Monate hinweg bis in den September zehn neue Soli aus zwei bestehenden zu erarbeiten, haben sie entwickelt, als sie darüber sprachen, wie schwierig es zuweilen ist, ein Tanzstück ganz allein, oft ohne künstlerische Rücksprache, zu erarbeiten. Da sie beide auch immer wieder in Gruppen arbeiten, entstand die Idee, Künstler und Kulturwissenschaftler anzusprechen, die Lust haben, etwas Eigenes aus ihren beiden Soli zu machen. Ich habe immer nur ein Ja gehört“, sagt Wiebke Dröge – auf eine solche Interaktion scheinen viele gewartet zu haben.
Vorstellungen an jedem ersten Mittwoch im Monat im Kunstverein Familie Montez, Breite Gasse 24, Frankfurt, um 20.30 Uhr.
Informationen im Internet unter www.ohnepunkt.info
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Wonge Bergmann
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