Tattoo-Ausstellung

Körperkunst

Von Michael Hierholzer

31. Januar 2007 Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren. Man kann seinem Körper nicht entkommen. Aber verändern lässt er sich schon. Schönheitsoperationen sind längst nicht mehr nur in Hollywood gesellschaftsfähig. Und Tätowierungen gehören mittlerweile quer durch alle Schichten ebenso zur akzeptierten Kunst am eigenen Leib wie das Piercing. Mit beiden Phänomenen beschäftigt sich jetzt eine Ausstellung im Frankfurter Museum für Kommunikation.

„Wo bitte?“, möchte man da ungläubig nachfragen. Und sieht sich genötigt, nicht nur den erweiterten Kulturbegriff, sondern auch einen ebensolchen Kommunikationsbegriff zugrunde zu legen. Schließlich sind die Damen und Herren jungen bis gesetzteren Alters, von denen im Haus am Schaumainkai großformatige Fotografien zu sehen sind, durchaus daran interessiert, ihr Verborgenes nach außen zu kehren, also in Verbindung mit ihrer Umwelt zu treten. Nicht mit dem Telefon oder der Postkarte, sondern mit den Werken der Tätowierer, die sie ihnen auf die Haut geschrieben haben. 20 Porträts sind zu sehen.

Tattoos in all ihrer Pracht

Wer den Ausstellungsraum betritt, nimmt erst einmal mehr oder weniger ordentlich gekleidete Männer, Frauen und auch ganze Kleinfamilien wahr, Leute wie du und ich, nette Nachbarn, freundliche Angestellte wie aus der Bankfiliale von nebenan. Den Unterschied macht die Rückseite der Bilder aus. Hier nämlich sind dieselben Mitteleuropäer zu sehen, dieses Mal allerdings so weit entblößt, dass ihre zum Teil körper- oder rückenfüllenden Tattoos in all ihrer Pracht zu besichtigen sind. Auszüge aus Interviews sind auf Tafeln den Fotografien beigegeben, vollständig kann man sie an einem Tisch in der Schau nachlesen.

Geführt hat sie Aglaja Stirn, die Leiterin der psychosomatischen Abteilung in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Frankfurter Universitätsklinik. Seit Jahren forscht sie zum Thema Tätowierung und Piercing, auch angeregt durch ihre ethnologischen Interessen und viele Reisen nach Asien. Die Ärztin hat die erste repräsentative Umfrage zum Thema vorgelegt und einige der Interviewten gebeten, sich von Oli Hege fotografieren zu lassen. Da blicken sie nun voller Selbstbewusstsein in die Runde und stellen ihre Haut aus, die sie nach ihrem eigenen Bilde haben erschaffen lassen.

Steigerung des Körpergefühls

Das Projekt steht in Zusammenhang mit einer Reihe weiterer Ausstellungen, die das Museum der Weltkulturen initiiert hat. Alle widmen sich der Modifikation des Körpers in unterschiedlichen Kulturen, die religiös motiviert sein kann oder wie in den westlichen Ländern der Gegenwart eine Mode ist, die gar nicht modisch sein kann, weil diese Art der Hautmalerei lebenslänglich zu tragen ist.

Es geht wohl um das Bedürfnis, sich abzugrenzen, seiner Individualität Ausdruck zu verleihen, auch darum, das eigene Körpergefühl zu steigern. Aus einer Laune heraus lässt sich niemand mit Ornamenten, roten Rosen oder einem Bild der Tochter schmücken. „Ich finde, dass das eine Bedeutung für einen selber hat“, sagt eine junge Frau, „und dieses Kunstwerk, finde ich persönlich, strahlt auch aus, wie ich bin.“

Bis 15. April. Geöffnet Dienstag bis Freitag 9 bis 18, Samstag, Sonn- und Feiertag 11 bis 19 Uhr.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

 
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