Open-Air-Filmfest Weiterstadt

Komik, Kalauer und Kuddel Daddeldu

Von Christoph Schütte

Open-Air-Kino: Sommerliches Filmvergnügen unter dem Sternenhimmel

Open-Air-Kino: Sommerliches Filmvergnügen unter dem Sternenhimmel

17. August 2008 Die Liebe, ist man ja so dann und wann geneigt zu glauben, ist ein seltsames Spiel. Nicht nur dass sie wie im Schlager kommt und geht, wie es ihr gefällt. Sie schlägt mitunter auch absonderliche Kapriolen, treibt verführerische Blüten, rührt zu süßen, bitteren Tränen auch und kokettiert bisweilen selbst im richtigen Leben mit dem Happy End. Nur auf der Leinwand könnte man gelegentlich verzweifeln angesichts des Kitsches und der Einfallslosigkeit gerade bei dem Thema, aus dem sich doch die kühnsten, schönsten, traurigsten und aberwitzigsten Geschichten weben lassen.

In Weiterstadt, wo jetzt das 32. Open-Air-Filmfest stattfand, war wieder einmal alles anders. Zugegeben, auch unter den rund 200 Filmen aus mehr als 30 Ländern ging es oft um das Eine: Der erste Kuss, das erste Mal, die Liebe also und ihr Scheitern – Studentenfilme eben. Doch wenn sich etwa in „Umeshinju“ des japanischen Regisseurs Yoshihiro Itó wie in einem grottenschlechten Witz zwei einigermaßen hilflose Menschen begegnen – sie ohne, er mit beiden Armen, doch die bis zum Hals in Gips –, den Tod suchen und doch die Liebe finden, und sei es nur für einen Tag und eine Nacht, dann ist das von einer Komik, Zärtlichkeit und Poesie, wie man es in diesem Genre eher selten findet.

Hinreißend gezeichnetes Märchen

Itó, gleich mit drei Filmen im Programm vertreten, gehörte fraglos zu den Entdeckungen dieses einmaligen Festivals unter freiem Himmel, das Jahr für Jahr 10.000 Zuschauer vor die Großbildleinwand am Braunshardter Tännchen lockt. Nicht zuletzt gilt das nicht nur älteste, sondern auch atmosphärisch wohl schönste Festival seiner Art mit dem traditionell vom Publikum entschiedenen Super-8-Wettbewerb auch bei Filmemachern als eine der letzten Bastionen gegen das Verschwinden des Schmalfilms. Daneben sind es die hier traditionell stark vertretenen Animationen, wie sie in diesem Jahr besonders zahlreich aus Spanien und aus den Wunderkammern der Prager Filmhochschule FAMU eingereicht wurden, die stets zu den Höhepunkten des Programms zählen. Und deren mitunter reichlich abgedrehtem oder gar morbidem Charme man sich beim besten Willen nicht entziehen kann.

Denn darauf etwa, Joachim Ringelnatz’ leicht dadaistisch angehauchte Zeilen in bewegte Bilder umzusetzen, muss man erst mal kommen. Ein ums andere Mal gräbt da der treue Seemann seine verblichene Geliebte aus. Und wieder ein. Und wieder aus. Und mit jeder neuen Exhumierung sieht sie, nun ja, nicht eben besser aus. Schauerlich, möchte man meinen, und so schön, dass man den Film der 1974 in München geborenen Regisseurin am liebsten gleich noch einmal sähe. Anna Kalus’ auf 35 Millimeter gedrehte Hommage an „Kuddel Daddeldu“ und des Dichters „Seemannstreue“ ist ein so hinreißend gezeichnetes Märchen, dass man den in diesem Jahr entstandenen Film kaum zum letzten Mal auf einem Festival gesehen haben dürfte.

„Satan in Weiterstadt“

Das gilt auch für zahlreiche jener Filme, die sich mit Jugendgewalt auseinandersetzen wie Alessandro Cellis „Fine Corsa“ oder Stefan Schallers irritierenden, mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichneten Halbstünder „Böse Bilder“, der im Schulfilmprogramm zu sehen war, oder – auch das ein aktueller Trend – für die Beiträge zum Thema Alter und Tod. Wenn etwa Katrin Gebbe in ihrem in Schwarzweiß gedrehten Erstsemesterfilm den Tod eines alten Mannes als feuchtfröhliches, letztes und zugleich wahrhaft zauberhaftes Fest mit all den längst verstorbenen Freunden inszeniert oder Eduardo Chapero-Jackson mit „Alumbramiento“ das Sterben einer Frau im Kreis der Familie begleitet, dann sind das starke, einfühlsame Bilder, die ohne Kitsch und falschen Ton im Innersten berühren.

Derlei sollte man vom Wettbewerb dagegen vielleicht besser nicht erwarten. Und doch gehörte die aus zehn Filmen bestehende Konkurrenz um den 12. „Weiterstädter Filmhirschen“ in diesem Jahr zu den spannendsten, komischsten und unterhaltsamsten seit langem. Dass freilich Manuel Francescon der mittlerweile vierte „Filmhirsch“ kaum zu nehmen sein würde, war keine Überraschung. Schließlich haben Trash-Dokus wie „Satan in Weiterstadt“ seit jeher gute Karten beim treuen und mit Francescons „Freax“-Humor bestens vertrauten Publikum. Und doch hätte sich der Offenbacher Filmermacher am Ende fast noch selbst geschlagen: Mit hauchdünnem Rückstand verwies er seinen mit „Freax“-Brother Bernhard Lenz gedrehten Film „Ballad III“ auf den zweiten Platz.

Die traditionelle Nachlese findet am 22. August um 20 Uhr in der Darmstädter Centralstation statt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Frank Röth

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