Literatur

Die Magie der Dinge: Wilhelm Genazinos erste Poetik-Vorlesung

Wilhelm Genazino

Wilhelm Genazino

12. Januar 2006 Wie ein Kind nehme der Autor Kontakt zu den Dingen auf, offen und unbefangen, so daß diese ihm ihre Magie offenbarten: In seiner ersten Poetik-Vorlesung als Gastdozent der Frankfurter Universität hat Wilhelm Genazino rund 800 Zuhörer im überfüllten Hörsaal VI mit seinen Ausführungen gefesselt, wie den Dingen durch Beschreibung Poesie zu entlocken sei. Vor allem unscheinbare Gegenstände haben es dem Frankfurter Schriftsteller und Büchner-Preisträger dabei offensichtlich angetan, wie alte Koffer, Schachteln, Schubladen, Kleidung, Brillen, Rabattmarkenheftchen, Orden, Schlüssel, Nadeln oder Scheren - Dinge, die er in den kommenden vier Wochen jeweils dienstags um 18 Uhr noch eingehend betrachten möchte.

Seine wunderbare Begabung des präzisen Beobachtens und phantasievollen Spekulierens führte Genazino mit der Geschichte über einen halbverrotteten Geldbeutel vor, den er im Sommer gefunden hatte. Darin sei, erzählte der 1943 in Mannheim geborene Autor, das Foto einer älteren Frau gewesen. Gleich habe er das Gefühl gehabt, die Börse sei gestohlen worden, die Frau sei tot und er der letzte, der ihr Bild anschaut. Erst als er Wochen später ein Foto von sich, aufgenommen in einem Automaten, in Händen hielt, das ihn als „erstes Altersbild“ erschreckte, fiel ihm eine weitere Deutung ein: Womöglich, glaubte er jetzt, habe die Frau selbst den Geldbeutel weggeworfen, weil sie sich mit ihrem ältlichen Bildnis nicht anfreunden konnte.

Ausstellung begleitet die Vorlesungen

Um derlei Entdeckungen zu machen, erläuterte Genazino, bedürfe es einer „batterieförmigen Aufmerksamkeit“, die nie aufhöre, Magie in den Dingen zu erwarten. Wie früh er diese spezielle Aufmerksamkeit besessen haben muß, davon kann man sich ein Bild in der die Poetik-Dozentur begleitenden Ausstellung in der Universitäts-Bibliothek machen. Artikel stellen Genazino als Zeitungsredakteur vor, auch als ehemaligen Mitarbeiter des Satiremagazins Pardon. Private Fotografien zeigen den Gymnasiasten, der dann mit gerade 18 eine erste Kurzgeschichte in einer Fleischer-Zeitung veröffentlicht. Eine Vitrine ist alleine den ein Dutzend Preisen gewidmet, die er erhalten hat.

Und Kritiken vermitteln, daß der Autor mit seiner „Abschaffel“-Trilogie in den Siebzigern schon einmal ziemlich populär war. Auf der SWF-Bestenliste stand er mit „Die Vernichtung der Sorgen“ 1978 auf Platz 18 - noch vor Max Frischs „Triptychon“. Er werde hier bei lebendigem Leibe musealisiert, schmunzelte Genazino bei der Eröffnung der Schau: Das erfülle ihn mit Unruhe, Dankbarkeit - und vor allem mit Rührung.

Text: F.A.Z., 12.01.2006, Nr. 10 / Seite 50
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Michael Löwa

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