02. September 2007 Nicht nur Shakespeares Böhmen liegt am Meer. Beim Lesen von Martin Mosebachs Roman Der Mond und das Mädchen“ verwandelt sich auch die Stadt am Main in einen Ort, der mit der See lebt. Frankfurt, heißt es in einer Abschweifung des Autors, der seiner Heimat schon immer analytisch auf die Schliche kommen wollte, sei keine europäische Stadt mehr, sondern eine phönizische. Wie die reichen Küstenstädte des bronzezeitlichen Seefahrervolkes wende es dem eigenen Land den Rücken zu und befasse sich vor allem mit der fremden Gegenküste – dem Ort also, an dem das Geld gemacht werden kann. Auf die Idee, Frankfurt als Tyros oder Karthago der Gegenwart zu beschreiben, kam der diesjährige Büchnerpreisträger in Marokko, mitten im Schreiben an seinem seit Anfang August erhältlichen neuen Roman. Entstanden aber ist das Buch des 1951 geborenen Autors aus einem Motiv, das Mosebach seit langem verfolgt und das schon oft von einem seiner Notizbücher in das nächste umgezogen ist.
Mosebachs Frankfurt am Meer ist ein Ort böser Geister. Sie entstammen einem in der urchristlichen Logienquelle überlieferten und bei Matthäus und Lukas wiedergegebenen Herrenwort, dessen Bildhaftigkeit Mosebach stark beeindruckt hat. In den drei Versen des Wortes spricht Jesus von einem unreinen Geist, der, ausgefahren aus einem Menschen, so lange nach einer Ruhestätte suche, bis er wieder in das Haus zurückkehren wolle, das er verlassen habe. Bei seiner Ankunft finde er das Seelenhaus schön gefegt und aufgeräumt“. Mit sieben noch böseren Freunden halte er dann Einzug: Und das Ende wird bei einem solchen Menschen schlimmer als der Anfang.“ Für Mosebach begann die Arbeit am neuen Roman mit dem Bild dieses Hauses, gefegt und mit Lampen erleuchtet“, bereit für den Dämon. Als das Buch fertig war, entdeckte er in ihm auch Shakespeares Sommernachtstraum“, die Geschichte von den alten mächtigen Göttern, die sich verzankt haben“, und dem jungen Liebespaar. Aber schließlich, sagt er, bewege man sich immer in Motiven.
Wenn das Unbelebte sich als belebt erweist
Ein Mosebach besonders wichtiges Motiv ist der Raum. Seit jeher liebe er den Zauber, der vom Raum ausgeht“. Er erscheine ihm als etwas Belebtes, gerade wenn er leer ist“. Vermutlich deshalb sei das Stillleben ein Genre, das ihn besonders anspreche. Die Aufgabe des Stilllebens, das geheime Leben im Toten zu entdecken“, empfinde er fast als die eigentliche Aufgabe der Malerei“. Aber wenn das Unbelebte sich als belebt erweist, muss das nicht immer tröstlich sein. Vor allem dann nicht, wenn es das eigene Heim ist, das einem unheimlich wird, wie es Mosebachs Liebespaar geschieht. Dabei beginnt es sein Leben in Frankfurt sehr unternehmungslustig. Hans, der freundliche junge Bankangestellte, handelt wie sein Autor, der sich für die Verführung durch das Fremde mindestens ebenso sehr interessiert wie für den Zauber des Bestehenden. Er weiß zwar nicht, weshalb er die schäbige Wohnung in Bahnhofsnähe nimmt, schon bald aber fühlt er sich in ihr ganz zu Hause“. Mit dieser Entscheidung beginnen er und seine Frau Ina eine Reise in die Fremde ihrer Seelen.
Die Ereignisse um sie herum changieren zwischen Traum und Wirklichkeit. Der Sommermond über Frankfurt strahlt wie ein Scheinwerfer“, und das abendliche Treffen der Hausbewohner im Hof sieht aus wie die Amerikanische Nacht“ des Kinos, deren dichte Dunkelheit im hellen Licht der Spots erzeugt wird. Mosebach, der Antirealist, erzählt davon, dass es mehr gibt als nur die sichtbare Welt, Mosebach, der Freund der Form, hat etwas übrig für das Gemachte der Kulissen, mit deren Hilfe er davon erzählt. Es ist sehr wichtig, dass eine Kulisse illusionär ist“, sagt er und verweist auf die Filme von Alain Resnais, die er besonders schätzt. Die Kulisse ist auf der einen Seite aus Pappe, zugleich kann sie einen viel größeren Zauber haben als die wirkliche Welt.“ Wer Regie führt auf Mosebachs dämonischem Filmset, Hans und Ina oder Mächte, die mit ihnen spielen, bleibt unklar. Aber der Film ist gut.
Heute (3. September) um 20 Uhr im Literaturhaus Frankfurt, Schöne Aussicht 2.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp