„Altweiberfrühling“ im Volkstheater

Her mit den Strapsen!

Von Claudia Schülke

Da schau her: Szene aus “Altweiberfrühling“ im Volkstheater Frankfurt

Da schau her: Szene aus "Altweiberfrühling" im Volkstheater Frankfurt

09. November 2009 Das Publikum wollte nicht weichen. Immer wieder klatschten die Zuschauer die vier Schauspielerinnen herbei, die ihnen zwei Stunden Theaterglück beschert hatten: Anette Krämer, Ilona Wiedem, Brigitte Goebel und Margit Sponheimer. Lange vor dem tosenden Schlussapplaus hatten die Zuschauer im Frankfurter Volkstheater spontan und lautstark für dieses „Altweiber“-Quartett Partei ergriffen und deren Kollegen Detlev Nyga kaum zu Wort kommen lassen. Was der windige Bürgermeister seinen Dörflern aus dem Taunus zu sagen hat, kommt bei den Senioren nicht gut an: Sie wollen keine spießigen Liebestöter und Wollbomber mehr, sondern Spitzendessous mit Pariser Schick und Wonder-Bras mit Trachtenmotiven.

Solche Finessen fürs Boudoir sind im „Petit Paris“ zu haben, einer Boutique, die Martha Jost nach dem Tod ihres Ehemannes eröffnet hat. Für ihren geliebten Hans hatte sie einst das Schneidern aufgegeben. Nun lässt sie sich von ihrer weltläufigen Freundin Lissy überreden, mit 70 Jahren ihre Jugendträume zu leben. Ihr Sohn Walter ist entsetzt, als sie den Laden des Vaters in ein Miedergeschäft verwandelt. Hier wollte er, der katholische Dorfpfarrer auf erotischen Abwegen, seine Bibelgruppe ansiedeln. Und Bürgermeister Fritz stellt schon voreilig die Wimpel für seine neue Parteizentrale auf. Auch Marthas Freundinnen Hanni und Frieda glauben nicht an den Erfolg der Filiale.

Tempo und differenzierte Charaktere

Von der ersten Szene an sind die Zuschauer gebannt. „Tatort“-Regisseurin Sylvia Hoffman setzt auf Tempo und differenzierte Charaktere, ihr Ensemble auf Totalverausgabung. „Herbstzeitlosen“ heißt der erfolgreiche Schweizer Film von Sabine Pochhammer und Bettina Oberli, aus dem der österreichische Bühnenautor Stefan Vögel ein hinreißend pointiertes Theaterstück gemacht hat. Wolfgang Kaus hat eine hessische Textfassung erarbeitet. So kann sich das Volkstheater der mundartlichen Erstaufführung rühmen – noch vor der schwäbischen Premiere in Stuttgart und der Wiener in der Josefstadt.

Mit Anette Krämer in der Rolle der Martha war die Hälfte des Erfolgs von vornherein gesichert. Auch Margit Sponheimer versprach ein herzhaftes Bühnenerlebnis und löste es ein mit ihrer geduckten Bauersfrau Hanni, die sich mit 65 entschließt, den Führerschein zu machen, um ihren kranken Gatten zur Reha fahren zu können. Auch Brigitte Goebels Frieda lernt in ihrer Seniorenresidenz dazu: Dank ihres Internetkurses können die Frauen ihre Dessous bis nach Bollywood verkaufen, ihr zuliebe sticken die Senioren der umliegenden Heime bald mit. Bewegend das Schicksal der nonkonformistischen „Amerikanerin“ Lissy, die nie in den Vereinigten Staaten war: Ilona Wiedem träumt als alleinerziehende Mutter vom Land ihres Treulosen und packt schließlich die Koffer.

Volkstheater auf allerhöchstem Niveau

Gegen dieses Damen-Geschwader müssen sich Nyga als autoritärer Dorfhäuptling und Steffen Wilhelm als sympathischer Oberheuchler im Kirchendienst behaupten. Das gelingt ihnen so gut, dass der Priester zuletzt sogar zu seiner Liebe zu Shirley steht, Lissys unehelicher Tochter, die Myriam Tancredi treuherzig profiliert. Der Regisseurin und ihrem Ensemble gelingt es, das Publikum mit den politisch unkorrekten Alten lachen, anstatt es über sie schmunzeln zu lassen. Es ist, als wäre ein Knoten im Großen Hirschgraben geplatzt: Für die nächsten Wochen hat Frankfurt ein Volkstheater auf allerhöchstem Niveau.

Noch bis 16. Januar 2010 zu sehen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Stugrapho

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