Von Ursula Böhmer
25. März 2008 „Es ist möglich, dass dich jemand schlägt, fest schlägt, und es dir nicht weh tut dabei“, singt Julie ihrer 15 Jahre alten Tochter am Ende vor. Sie muss es wissen, hat sie doch bei Ehemann Billy einschlägige Erfahrungen gemacht. Der Taugenichts, der sich nach einem misslungenen Raubüberfall schließlich umbringt, hat selbst als Toter noch eine lockere Hand, was wiederum die Tochter zu spüren bekommt. Auf Geheiß des Himmelsgerichts, vor dem Billy steht, darf er sie noch einmal aufsuchen, um ihr etwas Gutes zu tun. Immerhin schenkt er der Tochter noch einen Himmelsstern, bevor ihm auch bei ihr die Hand ausrutscht – unverbesserlich. „Du bist nicht allein“, singt der Schluss-Chor dem Mädchen. Schwacher Trost.
„Carousel“ haben Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II ihr Musical im Jahr 1945 genannt, es basiert auf dem 1909 uraufgeführten Theaterstück „Liliom“ des Ungarn Ferenc Molnár. Was als Theaterstück zwischen Milieustudie und Märchen Hand und Fuß haben mag, ist als Musical nicht Fisch, nicht Fleisch. Schuld daran ist Rodgers’ Musik, die das Geschehen allzu hübsch und beschwingt, oft im Dreivierteltakt, untermalt. Der Abstieg Billys, ehemals Anreißer eines Kirmes-Karussells, wirkt auf diese Weise irreal überzuckert. Auch die komödiantischen Einlagen der Nebenfiguren tragen dazu bei, dass sich die eigentliche Tragik des ewig kreisenden Sozialdramen-Karussells nicht so recht erschließt. Philipp Kochheim hat sich am Staatstheater Darmstadt daher auch nicht allzu tiefgründige Gedanken gemacht, setzt auf den Klangteppich des gut aufgelegten Opernorchesters unter Dirigent Lukas Beikircher und verlegt das Musical entsprechend leichtfüßig ins ausgehende 19. Jahrhundert. Die Figuren stecken bei Kostümbildner Bernhard Hülfenhaus in karierten und gestreiften langen Kleidern und Hosen, Anja Jungheinrichs Bühne ist aufwendig, wirkt aber einfach: Immer wieder fahren ein großes Karussell vor und zurück und eine Art riesiger Holzrahmen herein und hinaus. Letzterer ist innen mit Zimmer- oder Kneipenmobilar bestückt, je nach Szene.
Auf dieser Bühne lässt Kochheim das leichte Drama nun im wahrsten Sinne des Wortes Revue passieren, zwischenzeitlich mit zu langem Atem. Mehr Tempo wäre an manchen Stellen besser gewesen, zumal ihm spielfreudige Choristen und engagierte Solisten zur Verfügung stehen: Randal Turner überzeugt als charmanter Billy vor allem mit seinem warm temperierten Bariton, während es in den Dialogen mit der deutschen Sprache noch hapert. Susanne Serflings Julie bleibt trotz eines immer wieder strahlend aufblühenden Soprans brav und blass im Schatten ihres Mannes. Mit vollmundigem Mezzo sorgt Allison Oakes als Carrie für komische Intermezzi, während hier Sven Ehrke als Ehemann Enoch stimmlich schwächelt. Thomas Mehnert als böses Blut Jigger wiederum weiß nicht nur Billy mit seinem sonoren Bass einzufangen. So gelingt die zuckerwattensüße Karusselfahrt in Darmstadt ohne Tiefgang, insgesamt aber unterhaltsam.
Weitere Vorstellungen am 2., 11., 17. und 19. April um jeweils 19.30 Uhr sowie am 27. April um 18 Uhr
Text: F.A.Z.
