Von Christoph Schütte
18. April 2006 Hier also wollte man es unbedingt noch einmal wissen. Im globalen Wettbewerb ein provinzielles Zeichen setzen am Rand von Herne-Eickel oder Wolfen-Nord. Ein Einkaufszentrum oder einen Spacepark Bremen, Reihenhäuser oder Ferropolis aus dem Boden stampfen oder was der Phantasien mehr sind, wenn Planer und Kommunen neue Investoren für die Zukunft zu begeistern trachten. Allein, die blieben offensichtlich aus. Und langsam, aber sicher, scheint es, holt sich die Natur zurück, was einmal als Vision der rosaroten Zukunft gelten mochte. Blühende Landschaften, so der Titel von Christian Wolters Fotoserie, die derzeit im Rahmen der auf sechs Ausstellungsorte verteilten Schau Gute Aussichten in Frankfurt zu sehen ist, zeigt ausnahmslos vollständig erschlossene, nun freilich brachliegende Gewerbeflächen.
Und was hier allein noch blüht, das wächst als Unkraut aus den Investitionsruinen, die buchstäblich in den Sand gesetzt sind. Überhaupt ist es eine ganze Reihe seriell angelegter Arbeiten, die bei der zweiten Ausgabe dieses deutschlandweit ausgeschriebenen Hochschulwettbewerbs für junge Fotografie einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Das gilt für die als Zypressen, Palmen und Kakteen verkleideten und in der Landschaft stehenden Funkmasten der Enchanted Wood-Folge Robert Voits, eines Schülers von Thomas Ruff, ebenso wie für Henning Rogges Schauinsland. Ob auf dem Brocken oder auf der Loreley, am Deutschen Eck oder hoch über den Kreidefelsen auf der Insel Rügen: Nie sieht man auf diesen Aufnahmen all der romantischen Sehnsuchtsorte, die der junge Künstler aufgesucht hat, das eigentliche Motiv, den so wunderbaren Ausblick auf die Landschaft, der doch all die Ausflügler hierher gelockt hat.
Puzzleartige Panoramen
Statt dessen sind es die Menschen und ist es die Aussichtsplattform, die Rogge fokussiert, nichts sonst, und damit die diffuse Sehnsucht selbst und ihre Inszenierung. Daneben sind es das eigene Medium reflektierende Arbeiten etwa Martin Willners oder auch Claudia Christoffels vorgefundene, mit grauem Gaffaband überklebte Bilder, die im Gedächtnis bleiben, und nicht zuletzt Kathi Schröders Zyklus Suche nach Stiller. Schmale Streifen offensichtlich ebenfalls gefundener, fotokopierter Bilder flicht die Absolventin der Fachhochschule Bielefeld zu puzzleartigen Panoramen mit vielen weißen und noch mehr schwarzen Flecken. Was bleibt bei diesem scheiternden Versuch von Rekonstruktion, sind allenfalls Fragmente einer lose gewebten Erzählung, deren Fäden hier klar und deutlich auszumachen sind, dort sich verlieren in der völligen Abstraktion.
Daß die zweite Folge der 2004 von Josefine Raab in Wiesbaden initiierten Leistungsschau junger Fotokunst trotz vieler spannender unter den 13 Positionen dennoch einen zwiespältigen Eindruck hinterläßt, liegt also keineswegs an der von dem Fotokünstler Andreas Gursky, dem Hamburger Kurator Ingo Taubhorn, Spex-Artdirector Mario Lombardo sowie Raab selbst aus mehr als 90 Einreichungen getroffenen Auswahl, sondern an der mitunter wahrlich beklagenswerten Inszenierung.
Schwierige Raumsituation
Und daß sich nach dem Auftakt im Berliner Museum für Fotografie und weiteren Stationen der Wanderausstellung in den Hamburger Deichtorhallen und in Dortmund offenbar trotz intensiver Bemühungen seitens der Organisatoren in Frankfurt nicht eine einzige Institution bereit fand, den Guten Aussichten ein Forum zu bieten, wirkt angesichts des ambitionierten Projekts, mehr noch freilich in Anbetracht der Qualität der gezeigten Arbeiten, zumindest irritierend. Übrig geblieben ist allein die Galerie Station im Mousonturm, wo nun immerhin vier der Nachwuchsfotografen - neben Voit und Rogge die Absolventin der Offenbacher Hochschule für Gestaltung, Nadine Fraczkowski, sowie Delia Keller - einen angemessenen Rahmen für die Präsentation gefunden haben. Und die Commerzbank, die die Arbeiten der anderen Künstler in fünf Frankfurter Innenstadtfilialen zeigt.
Doch bei allem durchaus bemerkenswerten Engagement: Die Raumsituation in den Schalterhallen in der Kaiserstraße, am Roßmarkt, an der Börse und der Alten Oper erweist sich, um das wenigste zu sagen, als im allgemeinen schwierig, mitunter auch als schlicht unmöglich. Zwar können sich Philipp Goldbachs Aufnahmen von Fernsehantennen (Kaiserstraße 30) am Eingang der Bank überraschend gut behaupten. Doch manches Mal fehlt schon die eine nackte Wand, um eine Arbeit halbwegs angemessen präsentieren zu können. Vom Büroambiente und dem enervierenden Publikumsverkehr während der Geschäftszeiten ganz zu schweigen.
Bemerkenswerte Positionen
Um Bettina Metzens große Formate etwa, in denen die Künstlerin detailreich und mit großem Aufwand mysteriöse Todesfälle junger Frauen inszeniert, kann es einem fast schon leid tun, und auch Markus Uhrs poetischer Essay Die Großen Die Kleinen Die Mittleren (Kaiserstraße 60) büßt, verteilt im ganzen Raum, wo sich gerade eine freie Fläche findet, in diesem Umfeld einiges ein von seiner suggestiven Kraft. Freilich, wer dennoch den Rundgang durch die beteiligten Filialen auf sich nimmt, wird mit Geduld und etwas Zeit immerhin eine ganze Reihe bemerkenswerter Positionen kennenlernen. Und im nächsten Jahr, so wollen wir mal für alle jungen Fotokünstler hoffen, findet sich auch in Frankfurt jener angemessene Ort, an dem sich all die Guten Aussichten nicht nur sehen, sondern auch angemessen zeigen lassen.
Gute Aussichten ist bis 30. April Freitag von 19 bis 22 Uhr, Samstag von 15 bis 22 Uhr, Sonntag von 15 bis 19 Uhr und während der Vorstellungen in der Galerie Station im Mousonturm sowie zu den üblichen Öffnungszeiten in den fünf Innenstadtfilialen der Commerzbank zu besichtigen.
Text: F.A.Z., 19.04.2006
Bildmaterial: Veranstalter
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