„Kurban“ im Schauspiel Frankfurt

Anatolisches Opfer

Von Claudia Schülke

Szene aus “Kurban“ - eion musiktheatralisches Stück von Güngör Dilmen

Szene aus "Kurban" - eion musiktheatralisches Stück von Güngör Dilmen

06. Oktober 2008 Ein Opferstein an der Rampe, flankiert von Kerzen auf niedrigen Stelen, aus denen zwei Hörner wachsen. Aus dem welken Schilf scheinen die Geister der Ahnen und mythischen Helden zu flüstern: Phrixos und Helle, Niobe und Medea. Sind wir im Großen Haus des Frankfurter Schauspiels oder am Ufer von Kolchis, wo das Goldene Vlies eines geflügelten Widders in den Zweigen eines heiligen Hains hängt? Aber Zehra ist keine kaukasische Zauberin, sondern eine anatolische Ehefrau. Eine, die im Widerstand gegen eine frauenfeindliche Tradition zur tragischen Heldin wird. Sie lässt das junge Mädchen, das ihrem Mann den Kopf verdreht hat, nicht als zweite Gattin in das Haus, in dem sie als Herrin waltet. Bevor die Männer die Tür eintreten, tötet sie ihre Kinder und sich selbst. Angesichts der Tragödie versteinert der Hochzeitszug.

„Kurban“ – „Opfer“ hat der türkische Autor Güngör Dilmen sein musiktheatrales Stück genannt, das er 1968 frei nach Euripides verfasst hat. Regisseurin Ayse Emel Mesci hatte es schon vor 16 Jahren mit multikultureller Besetzung in Avignon inszeniert. Nun gastierte sie mit einer neuen Inszenierung des Türkischen Staatstheaters Ankara bei den Interkulturellen Theatertagen, die ganz im Zeichen des Buchmesse-Gastlands Türkei stehen. Die Zuschauer, die immerhin drei Viertel des Hauses füllten, waren beeindruckt und feierten das Gesamtkunstwerk mit Applaus im Stehen. Wie oft bei internationalen Gastspielen fehlten die sonst üblichen Premierenbesucher. Schade, denn die türkischen Schauspieler boten das, was so manchem Zuschauer im sterilen deutschen Theater fehlt: große Gefühle, lebendige Präsenz.

Gespenster matriarchaler und patriarchaler Machtansprüche

In dem archaischen Bühnenbild von Sertel Cetiner tummelten sich zwischen Herd, Mahl- und Opferstein die Gespenster matriarchaler und patriarchaler Machtansprüche. Zeynel Isik tauchte die anatolische Gesellschaft von heute in magisches Lichtdesign unter deutschen Übertiteln, Nalan Türkoglu hatte sie in die Kleider der schamanischen Ahnen gesteckt. Durch Zehras Albträume geisterte der Chor, der das Geschehen wie in einer antiken Tragödie kommentierte: mit Geigen, Ney, Saz und Perkussion aus Trommeln und Getreidekörnern in Körben. Ungeheure Kräfte setzte die Inszenierung frei: Gewalt des männlichen Körpers und der weiblichen Seele, Leidenschaften, Pathos um alles und nichts.

Dabei ist Mahmud doch nur ein redlicher Ehemann. So jedenfalls spielte ihn Ahmed Erkut. Nur ist er leider zu schwach, um der 15 Jahre alten Gülsüm (E. Saliha Karahasan) zu widerstehen. Deshalb verkauft er Vieh und Ländereien an deren habgierigen Bruder Mirza (Ötüken Hürmüzlü). Zwischen den beiden Männern werden beide Frauen zu Opfern: Die junge wird verhökert, die ältere gedemütigt. Aber Zehra lässt sich das nicht gefallen. Wie Mirac Eronat die älteren Rechte verfocht, hatte wahrhaft euripideisches Format: eine „schwarze Rose“, wie sie sich selbst nennt, als ihr mörderischer Entschluss nach vergeblichem Flehen reift. Alles würde sie mit der Jüngeren teilen, nur nicht den Ehemann. Dafür müssen die Kinder sterben, auch Murat (Efe Cetinel), den der Vater gleich zu Beginn wie Abraham Isaak auf den Altar gelegt hatte.

Schmerz lässt Menschen erstarren

Doch Gott verbirgt sein gnadenloses Gesicht hinter dem Tuch des Mirza. Und einen Widder als Ersatz hält er auch nicht bereit. Die Schafe ziehen auf die Weide, die Menschen sterben, oder der Schmerz lässt sie erstarren, wie eine anatolische Legende und ein griechischer Mythos erzählen. „Kurban“ ist kein feministisches Stück, es erzählt die alten Geschichten zwischen Orient und Okzident neu: von den Menschenopfern, die ein Götze namens Tradition und Gesetz fordert. Doch wie die türkischen Künstler sie erzählt, gesungen, getanzt und gespielt haben – das war große, ergreifende Bühnenkunst.

Weitere Gastspiele der Interkulturellen Theatertage bis 12. Oktober, Informationen im Internet unter www.interkulturel.org.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Schauspiel Frankfurt

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