06. Juli 2008 Die erste Spielzeit am Staatstheater Wiesbaden hat der neue Ballettdirektor Stephan Thoss hinter sich – und den größten Teil des Tanzpublikums mittlerweile auch. Nach Stationen in Kiel und Hannover gestaltete sich der Wiesbadener Anfang alles andere als einfach: Schon vor Thoss’ Amtsantritt verteilten Fans des früheren Ballettdirektors Flugblätter vor dem Theater und forderten klassisches Ballett“. Der 1965 in Leipzig geborene Thoss jedoch, der in Dresden an der Palucca-Schule ausgebildet wurde, arbeitet an seinem zeitgenössischen Stil, an neuen Zugängen – und schaut zuversichtlich in die nächste Saison. Mit ihm sprach Eva-Maria Magel.
Herr Thoss, ein Jahr Wiesbaden: War das anstrengend für Sie?
Ja, schon.
Die Vorbehalte gegen Sie waren ja groß – es gab Flugblätter für klassisches Ballett“ und Ihren Vorgänger van Cauwenbergh.
Das war schlimm. Es war die Rede davon, moderner Tanz sei eine Art Auf-dem-Boden-Herumrollen ohne tänzerischen Anspruch, das könne jeder.
Haben Sie je etwas geantwortet?
Darauf habe ich mich gar nicht eingelassen. Ich habe mich ganz auf die Arbeit konzentriert.
Haben Sie sich denn schon eingelebt?
Gerade in der ersten Spielzeit hat man natürlich kaum Zeit, sich umzuschauen. Aber es ist ja am Theater immer so: Wenn man sich am Haus und in der Arbeit wohl fühlt, geht es einem auch in der Stadt gut.
Da Sie eine kleine Tochter haben, bekommen Sie wahrscheinlich schneller Kontakt?
Das stimmt. Außerdem hatten wir ja auch in Merry Christmas“ Kinder im Stück. So entstanden auch Kontakte. Wir waren auch mal auf einer Gartenparty von Eltern und Kindern. Daran erinnere ich mich gerne, weil es so gut tat. Es ist eine andere Welt. Man bekommt am Theater ja schon einen Tunnelblick.
Sie sind Ballettdirektor des Staatstheaters Wiesbaden – würden Sie lieber sagen, Sie machten Tanz oder Tanztheater?
Schon eher. Weil ich glaube, dass man bei dem Wort Ballett“ Männer in Strumpfhosen und Mädels im Tutu vor sich sieht. Mit Tanz“ verbindet man mehr, und in unseren tänzerischen Äußerungen haben wir eine größere Bandbreite. An der Semperoper Dresden etwa hatte ich von 1992 an die Thoss-TanzKompanie“ außerhalb des Balletts.
Sind von diesen Tänzern welche nach Wiesbaden gekommen?
Ja, und auch aus Kiel und Hannover – außer, sie haben mittlerweile aufgehört. Das hat eben mit unserer Art zu arbeiten zu tun, die den Tänzern gefällt. Und ich glaube, es hat mir geholfen, dass ich dadurch Tänzer in Wiesbaden hatte, die erfahren sind und meinen Stil kennen. So war es möglich, vier Premieren zu zeigen. Sonst kann man nicht innerhalb einer Spielzeit so überzeugen.
Die verbliebenen Tänzer der vorigen Compagnie mussten Ihren Stil ganz neu lernen?
Ja, acht, neun Tänzer wollte ich übernehmen. Aber einer nach dem anderen ist gegangen. Wir arbeiten mehr, jeden Tag bis 18.30 Uhr. Da haben viele Tänzer auch gesagt, dass sie das körperlich nicht schaffen. Ein paar sind geblieben. Zum Teil haben wir, vor allem in der Erkältungszeit, nur mit 15 der 24 Tänzer arbeiten können. Ich wusste ja: Die erste Spielzeit wird hart.
Es gab bei den Premieren geradezu Applauskriege zwischen Befürwortern und Gegnern.
Bei der letzten Premiere, Professor Unrat“, gab es nicht mehr die extremen Buh- und Bravo-Kämpfe. Ich glaube, wir haben gezeigt, dass wir wirklich Qualität liefern. Man kriegt mich nicht so schnell in eine Schublade. Und denjenigen, die an uns glauben wollten, haben wir sozusagen damit unter die Arme gegriffen: Wir haben sie nicht enttäuscht.
Und die anderen?
Die müssen sich jetzt erst einmal trauen, nach diesen Programmen, weiter zu sagen, das könne ja jeder. Auch Figurativ“ in der Wartburg war erfolgreich. Das war für mich etwas Neues: Ich habe noch nie ein Stück mit so wenig Bewegung gemacht.
Was heißt das?
Normalerweise gibt es bei mir immer eher zu viel Bewegung, obwohl sich das im Lauf der Jahre verändert hat. Und für Figurativ“ dachte ich mir: Ich mache mal etwas, das auch weniger Emotionen hat. Ich versuche, fast ausschließlich mit Bildern zu arbeiten.
Aber Sie selber haben sich mehr bewegt, nämlich mitgetanzt.
In Kiel und Hannover habe ich das noch sehr häufig getan. In Hannover, mit über 30 Tänzern, hörte es langsam auf: Man kann große Stücke nicht choreographieren und selbst tanzen. Bei kleinteiligen Arbeiten wie Figurativ“ funktioniert es.
Sie haben an der Dresdner Palucca-Schule nicht nur Ihre Tanz-Ausbildung gemacht, sondern auch Theorie studiert?
Patricio Bunster hat die Tradition des deutschen Ausdruckstanzes quasi nach Deutschland zurückgebracht, und ich habe auch einige Jahre bei ihm studiert. Bunster, der aus Chile kam, und einst Kurt Jooss’ Choreographien getanzt hat, hat uns die ganzen Theorien gelehrt. Das war toll!
Was bedeutet Ihnen diese Tradition?
Es ist wie das Notenlesen in der Musik. Es gibt Leute, die können phantastisch tanzen, können aber nicht analysieren, was sie da gemacht haben. Und das ist es, was Laban und sein Schüler Jooss gebracht haben. Wenn mir jemand sagt, das sei doch altmodisch, ist das, als sage er, das Alphabet sei heutzutage nicht mehr gültig. Schnell und langsam, stark und schwach – das ist keine Modefrage. Jede Bewegung drückt etwas aus. Laban hat ja nicht Tanz analysiert, sondern Bewegung. Und Bunster hat Architektur studiert, bevor er Tänzer wurde. Das hat man immer gemerkt.
Suchen Sie Inspiration in anderen Künsten?
Ja, natürlich, vor allem bei Architektur, Kunst und Design. Tanzbücher habe ich fast nicht. Als ich jetzt im Guggenheim in Bilbao war, konnte ich die Koffer kaum mehr tragen – das war phantastisch!
Also lesen Sie sehr viel?
Ja, ich brauche viel Material, einen breiten Zugang zu einem Thema. Ich lese, recherchiere, schreibe in meinen eigenen Worten. Wie eine kleine Dissertation. Oft muss auch meine Frau herhalten: Dann versuche ich, ihr etwas so begeisternd zu erklären, dass sie das Thema interessant findet. Es ist wichtig, dass mir die Sache in Fleisch und Blut übergeht. Jetzt im Urlaub schreibe ich das Libretto für meine nächste Uraufführung. Denn die Dramaturgie muss stimmen für das Suchen von Bewegung.
Sie erzählen offenbar gerne alte Geschichten neu: Giselle“, Professor Unrat“, in der nächsten Spielzeit Schwanensee“?
Wenn man sich mit den ursprünglichen Zielen und Beweggründen der Geschichten auseinandersetzt, entdeckt man so tolle, kluge Dinge. Bei Giselle“ etwa sieht man in dem Ballett oft gar nicht mehr, was da an Substanz enthalten ist. Man muss immer die Zeit sehen, in der eine bestimmte Version entstanden ist. Und fragen, wo eine gewisse Gültigkeit zu finden ist. Unter Schwanensee“ liegt ja auch eine spannende Geschichte: von einem Mann, der nicht lieben kann und Macht über Frauen braucht.
Gerade da werden die Anhänger des klassischen Balletts sicher wieder besonders den Spitzenschuh vermissen?
Wenn Schwanensee“ im 14. Jahrhundert getanzt worden wäre, dann hätten sie Holzschuhe zum Tanzen angehabt. Es geht doch immer darum, eine eigene, gültige Version der Geschichte zu erzählen.
Welche Themen interessieren Sie noch?
Sehr stark der Surrealismus, auch der Film: die Kraft des Bildes. Das Aufeinandertreffen wesensfremder Objekte. Die Frage, warum wir Dinge plötzlich deutlicher sehen, wenn sie so aus ihrem Kontext herausgenommen sind.
Eine surrealistische Bilderwelt gibt es oft in Ihren Stücken. In Figurativ“ zum Beispiel.
Ja, das ist so. Das Bild an sich etwa hätte mich nicht gereizt. Es ist das unkommentierte Aufeinanderprallen der Dinge. Die Phantasiefähigkeit liegt dann mehr beim Zuschauer. Wir arrangieren Gedanken-Anstöße, nicht die Gedanken selbst.
Ist das für einen Geschichtenerzähler nicht ein Dilemma?
Für das Erzählen habe ich eine Schwäche, auch kleine Rollen sollen ein Gesicht kriegen. Denn ich habe wirklich Angst vor Unsinn, vor Äußerlichkeiten. Die Kunst hat ihre Berechtigung im Sinnvollen. Der Sinn muss aber nicht unbedingt entschlüsselt werden. Die Surrealisten hatten den Mut, das Unbewusste anzusprechen.
Würden Sie gern so arbeiten?
Ich fände es toll. Aber vielleicht gibt es dafür wenig Akzeptanz, wo viele sich ja schon schwertun, das Unverschlüsselte zu verstehen.
Muss man Tanz verstehen“?
Nein, das finde ich nicht. Ich kämpfe dafür, dass man den Tanz eher wie Musik betrachtet und nicht wie Schauspiel oder Oper. Wir nutzen ja auch keine Worte. Bei Musik fragt auch niemand sofort, was etwas bedeutet“. Beim Tanz erwartet man, die Bewegung müsse so deutlich sein, als ob wir Wörter benutzten. Und wir werden ja auch immer darauf hingewiesen, dass man nicht zu kompliziert werden darf.
Ist das eine Zwangslage?
Nun, man soll ja immer Kunst machen, die verstanden wird, das ist schon ein Trend heutzutage.
Bei kürzeren Arbeiten entwickeln Sie ja sozusagen Ihre eigene Geschichte. Würden Sie das lieber öfter machen?
Das habe ich schon gemacht, etwa in Weiß wie der Mond“. In der neuen Uraufführung Sichtbare Leere“ zu Musik von Philip Glass choreographiere ich ganz aus der Musik heraus.
Sie suchen sich scheinbar gerne sehr dynamische Musik.
Ja, das stimmt, aber beim Musikalischen Opfer“ etwa gibt es ja auch sehr flächige Passagen. Früher habe ich nicht geglaubt, dass auch das für den Betrachter Spannung und Kraft haben kann. Ich dachte, man braucht viel Bewegung, weil es langweilig wird, wenn die schnellen Wechsel und die Vitalität der Tänzer fehlen. Diese Entdeckungsreise der Bilder ist ein Weg, den ich in den letzten zwei, drei Jahren gehe.
Ist das eine neue Seite an Ihnen?
Ich zwinge mich in gewisser Weise dahin. Mats Ek hat einmal gesagt, dass er sich Gebote und Verbote setzt, weil er immer zu bestimmten Bewegungen neigt. Das fand ich interessant: Man ist beim Choreographieren ja doch sehr allein, also setzt man sich selbst kleine Gebote, um Stück für Stück in eine andere Sprache zu kommen – ohne sein Gesicht zu verlieren. Bei Figurativ“ habe ich mir geboten, weniger Bewegung zu verwenden.
Wieso ist Figurativ“ so selten gezeigt worden?
Wir haben nicht so viele Termine in der Wartburg bekommen, außerdem waren wir schon am Proben für Professor Unrat“. Für die Arbeitsatmosphäre war es gut, dass in der Saison so viel zu tun war. Die Stimmung ist nie abgesackt.
Dann werden Sie das Tempo ja nie reduzieren können?
Nein, eigentlich nicht. Die nächste Spielzeit wird ziemlich straff. Aber diesmal mit 24 motivierten Tänzern. Das wird sehr angenehm.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Martin Kaufhold