Von Michael Köhler
09. Dezember 2008 Ein Polizist im Fadenkreuz – vor mehr als 20 Jahren schockierte das Logo von Public Enemy die amerikanische Obrigkeit. Doch was einst als provokant und subversiv galt, ist längst selbstverständlicher Teil westlicher Pop-Kultur. Auf die Wände des Frankfurter Cocoon Club projiziert, strahlt das schwarzweiße Emblem mittlerweile edlen Designer-Schick aus, zumal die digitale Steuerung phantasievolle Spielereien erlaubt, die das populäre Trademark zerfließen lassen wie Dalís Uhr.
Apropos Zeit. Gegen die möchten Public Enemy zu vorgerückter Stunde nicht mehr ankämpfen, schließlich zehrt der unermüdliche Einsatz gegen Armut, Ausbeutung, Gewalt, Korruption und Rassismus an den Reserven. Längst sind die Pioniere zu Elder Statesmen des Hip-Hop avanciert. Da kann es schon mal passieren, dass ein für 21 Uhr geplanter Auftakt sich um mehr als eine Stunde verschiebt. Für die erkleckliche Fan-Gemeinde fühlen sich die kommenden 60 Minuten an wie gefühlte sechs Stunden. In allzu frischer Erinnerung ist die Warteschlange mit überwiegend nostalgisch gestimmten älteren Semestern in klirrender Kälte vor anfänglich noch verschlossenen Türen. Bis Public Enemy dann tatsächlich die Bühne entern, vergehen weitere 15 Minuten. So lange benötigen Einpeitscher Brother Mike und der seine Samplings servierende DJ Lord, bis sie das Publikum mit Turn It Up!“-Rufen auf die Old-School-Legenden vorbereitet haben. Nicht nur in Las Vegas weiß man ausgeklügelte Show-Rituale mit kalkulierter Spannung zu inszenieren.
Unwiderstehliche Hymnen
Eine eigene Chorus Line haben MC Chuck D. und MC Flavor Flav auch im Schlepptau. Wie stramme Soldaten paradieren, salutieren und tanzen im verwegenen paramilitärischen Söldner-Look gleich zwei Bodyguards, auch S1W’s (Security Of The First World) genannt. Ein eindrucksvolles Stück Tradition, dessen wirksamer Dramaturgie sich Public Enemy schon zu Karrierebeginn bedient haben. Old school, new school, white school, black school“ reimen Chuck D. im schicken Basketball-Dress und der mit obligatorischer Küchenuhr geschmückte Flavor Flav im Duett. Für die musikalische Untermalung sorgen DJ Lord, Gitarrist Khari Wynn, Bassist Charles Hardgroove und Schlagzeuger NYCity Michael Faulkner.
Mit Bedauern teilt Chuck D. mit, dass Informationsminister“ Professor Griff und Adlatus James Bomb die Vereinigten Staaten wegen ungültiger Visa nicht verlassen durften. Dann kündigt er eine wirkliche Überraschung an. Public Enemy beschränken sich in den kommenden beiden Stunden bis auf wenige Ausnahmen auf jenen Meilenstein, der die New Yorker Streetgang 1988 mit einem Schlag weltberühmt machte: It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back“. Die Band weiß um die urwüchsige Kraft ihres Genre-Klassikers mit den unwiderstehlichen Hymnen Don’t Believe The Hype“, She Watch Channel Zero?“ und Rebel Without A Pause“.
In Plauderlaune
Zwischen postmodernen Song-Collagen mit saftigem Sprechgesang bringt der studierte Kommunikationswissenschaftler Chuck D. seine Sicht der Dinge zum Ausdruck. Minutenlang spricht er über den alten und den neuen amerikanischen Präsidenten. Betont die einmalige Chance, die sein Land noch einmal bekommen habe. Vergisst aber auch nicht, den Zuhörern für Treue in den Jahren zu danken, da die überzeugten Politaktivisten in der heimischen Publikumsgunst schnöde von hedonistischen Möchtegern-Rappern abgelöst wurden. Und Kollege Flavor Flav mag nach donnerndem Finale mit dem noch immer beklemmenden Kriegsporträt Black Steel In The Hour Of Chaos“ die Bühne gar nicht mehr verlassen. Weit nach Mitternacht und lange nach der letzten Zugabe schwingt er in Plauderlaune noch immer lustige Reden, drückt wieder und wieder die gleichen sich ihm entgegenstreckenden Hände und will sich selbst auf unflätiges Drängen seines ungemütlich wirkenden Roadies hin nicht in die Garderobe bugsieren lassen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Felix Seuffert