Kunst

Grüße an das Siegerland

Von Christoph Schütte

25. April 2008 Wenn Künstler eine Reise tun, dann haben sie mitunter nicht nur so wie unsereins so manches zu erzählen. Gelegentlich schlagen sich die Eindrücke in einer anderen Stadt und in einem fremden Land auch unmittelbar in ihrer Arbeit nieder. Dafür muss man nicht mal an die alten Meister und all die Reisen nach Italien, an Gauguin oder wen auch immer denken. Dass etwa Heike Weber unlängst mit einem Stipendium des Landes Nordrhein-Westfalen ein halbes Jahr in Istanbul verbracht hat, muss man nicht einmal wissen. Angesichts ihrer aktuellen Arbeiten, die derzeit in ihrer zweiten Einzelausstellung in der Frankfurter Galerie Martina Detterer (Hanauer Landstraße 20–22) zu sehen sind, ist es ohnehin kaum zu übersehen.

Denn im Vergleich zu „baroccocorock“ vor drei Jahren ist ihre Kunst nun ganz und gar abstrakt geworden. Dabei ist die 1962 in Siegen geborene Künstlerin im Wesentlichen Zeichnerin geblieben. Eine Zeichnerin freilich, die nicht nur auf ungewöhnliche Materialien zurückgreift, sondern stets auch mit dem Raum arbeitet.

„Kilim“ steht für „Webteppich“

Doch während sie bislang vor allem figürliche Motive – Landschaften etwa, Bergpanoramen und Mythologie wie Kunstgeschichte entlehnte Figuren – mit buchstäblich an Nadeln aufgehängter Fensterfarbe auf die Wand zeichnete, verweist schon der Titel der aktuellen Schau auf eine andere Inspirationsquelle. „Kilimbim“ nämlich meint weniger das Sammelsurium, das die Gegenüberstellung von Papier- und Wand- und Bodenarbeiten glücklicherweise auch ganz und gar nicht ist, sondern verweist auf „Kilim“, was auf Türkisch „Webteppich“ heißt.

Und worum es geht in diesen teils raumfüllenden Werken, ist eine ganz und gar zeitgenössische Auseinandersetzung mit dem Ornament. Das gilt für die aus Teppichboden geschnittenen und sich über rund 80 Quadratmeter ausdehnenden Kreisformen von „Bim“ ebenso wie für die Silikonarbeit „Kilim“. Als habe Weber im Handarbeitskursus einen klassischen Orientteppich aus feinster Spitze nachgehäkelt, nimmt sie den ganzen Raum ein mit ihren Ranken, Mustern und stilisierten Blümchen und sieht dabei ganz allerliebst aus. Dabei kreiert die Künstlerin ihre gänzlich banalisierten – weil von jeder Symbolik und metaphorischem Gehalt der Vorlage bereinigten – Formen weitgehend spontan und mit der Tube in der Hand.

Nichts bleibt als das Skelett der Balken

Schön und nicht etwa hingekleckert wirkt die Arbeit dennoch, und ungeachtet des profanen Materials ebenso fragil wie kostbar. Und doch ist es die bescheiden und zugleich auf den ersten Blick beinahe ein wenig respektlos sich ausnehmende Serie von mit Cutter und Nagelschere bearbeiteten Postkarten, die vielleicht am deutlichsten vorführt, worum es bei den Erkundungen der Kölner Künstlerin an den Grenzen ihres Mediums immer auch geht. Acht schlichte Kunstpostkarten von Fachwerkhäusern in Schwarzweiß, die sowohl als heimlicher Gruß an ihre Siegener Heimat wie auch als Hommage an die Kunst von Bernd und Hilla Becher gelesen werden können, von denen die Aufnahmen stammen.

Bei jedem einzelnen der Motive hat Weber akribisch die Gefache ausgeschnitten, Fläche für Fläche Durchblicke geschaffen auf die leere weiße Wand, bis nichts bleibt als das Skelett der Balken, hier und da ein Fenster mit frisch gewaschener Gardine vielleicht oder ein schieferverkleideter Giebel. Und ein Haufen Putz in geometrischen Formen, der sich im Vorgärtchen türmt. So weit es auch sein mag vom Siegerland in die Türkei, als Zeichnerin formuliert die Künstlerin doch stets vor allem Fragen: nach Struktur und Muster, Positiv- und Negativformen, nach Fläche und Raum.

Die Ausstellung in der Frankfurter Galerie Martina Detterer, Hanauer Landstraße 20-22, ist bis 3. Mai dienstags bis freitags von 13 bis 18.30 Uhr, samstags von 11 bis 14 Uhr geöffnet.



Text: F.A.Z.

 
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