Literaturhaus

Der Dichter als Kickboxer

Von Claudia Schülke

29. Juni 2005 Er hat eine gelenkige Zunge. Wenn Michael Lentz seine Texte vorträgt, flattern seinen Zuhörern die Ohren. Das hat die Literaturhäuser in Berlin, Hamburg, Frankfurt, Salzburg, München, Köln, Stuttgart und Leipzig so beeindruckt, daß sie dem Lautpoeten den mit 8000 Euro dotierten Preis der Literaturhäuser zugesprochen haben, mit dem sie einmal im Jahr die Verbindung poetischer Meisterschaft mit einer innovativen Form der Literaturpräsentation prämieren.

Das „gelungene Zusammenspiel aus Textqualität, Vortragsart und Dramaturgie“ des 41 Jahre alten Dichters aus dem Rheinland, der mittlerweile in Berlin lebt und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig unterrichtet, hat die Jury offenbar überzeugt.

Altmeister der Lautpoesie

Im Preis eingeschlossen ist eine Lesereise mit Auftritten in sämtlichen Literaturhäusern. In Frankfurt stellte sich der Preisträger nun zur Finissage ein. Schließlich hatte er hier erst im März mit Franz Mon, dem ortsansässigen Altmeister der Lautpoesie, eine bemerkenswerte Vorstellung gemeinsamer Sprechakte gegeben.

Diesmal hielt Mon eine elaborierte Laudatio auf den Jungstar der Zunft. Dabei spannte er das Werk des Kollegen zwischen die Koordinaten der „Wiederholung“ und der „Erinnerung“: von Lentz' zweibändiger Dissertation über die Lautpoesie nach 1949, die er als „konkurrenzloses Standardwerk“ pries, über das „Muttersterben“, mit dem Lentz 2001 den Bachmann-Preis errang, den inneren Mono- und Dialog der „Liebeserklärung“ bis hin zu drei Hörspielen aus montierten Sprechakten.

Kriminalbericht ohne Verben

Solche Sprechakte dominierten auch den Abend im Literaturhaus. Im Zwiegespräch mit sprechenden Puppen, die der bildende Künstler Ulrich Winters in Glasvitrinen kaserniert hatte, präsentierte Lentz eine Auswahl seiner Lyrik und Prosa: Lautpoesie und Liebesgedichte, einen Kriminalbericht ohne Verben sowie einen längeren Text über die Heimkehr ins verlassene Elternhaus.

Mit seinem herben Impressionismus zwischen Kartoffelkeller und Einmachgläsern handelte er sich Kritik bei einem phallischen Puppenpaar ein. Schlimmer noch geriet er mit einer intellektuellen „Klugscheißerin“ en miniature aneinander, die mit ihren wichtigtuerischen Kommentaren den Literaturbetrieb karikierte und den Dichter mit Gereimtem aus dem klassisch-romantischen Repertoire zur Verzweiflung trieb.

Anagramme und Palindrome

Lentz trug seine Texte mit der Präzision und offensiven Wucht eines Kickboxers vor, der er auch ist. In atemlosem Tempo rasselte er Anagramme und Palindrome herunter, bis es den eingeperrten Puppen zuviel wurde, die sich lieber mit Abzählreimen die Zeit vertrieben. Mit den vier besoffenen „Dortmundern“ im Zug, die in Gestalt archaischer Holzfiguren unter Glas schwadronierten und gurgelten, konnte aber nicht einmal der Lautpoet mithalten. Die polyphone Sprach- und Sprechakrobatik endete mit dem „Gefangenenchor“ aus Verdis „Nabucco“, gegreint von einem nackten Puppenpaar nach dem Fazit der Liebesgedichte: „Du bist, wo die Tür zu ist.“ Wie jene Tür zum Elternhaus, die der Dichter in seiner brillanten Heimkehr-Erzählung geschlossen hatte.



Text: F.A.Z. vom 30. Juni 2005
Bildmaterial: F.A.Z., Sven Paustian

 

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