documenta

Lebende Kunstwerke mit T-Shirts und Handgelenktäschchen

Teil der Kunstaktion: Zwei Chinesinnen unterhalten sich in den Gottschalkhallen in Kassel auf ihren Betten sitzend.

Teil der Kunstaktion: Zwei Chinesinnen unterhalten sich in den Gottschalkhallen in Kassel auf ihren Betten sitzend.

14. Juni 2007 Sie sehen aus wie klassische Touristen und tragen auch deren weltweite Uniform: Bunte T-Shirts, kurze Hosen, leichte Schuhe, am Gürtel oder am Handgelenk das Täschchen für Geld, Reiseführer, Wasserflasche. Und natürlich die Digitalkamera, die unentwegt klickt. Doch diese Besucher, die sich zur Zeit in Kassel aufhalten, sind Kunst. Der chinesische Künstler Ai Weiwei hat zur documenta 1001 seiner Landsleute als teuerstes Kunstwerk der documenta-Geschichte eingeladen. Die ersten 200 der lebenden Kunstwerke sorgen derzeit auf der Kasseler „Weltkunstausstellung“ für Aufsehen.

„Es ist nicht nur ein Symbol, dass die Chinesen kommen, sondern es ist wirklich so“, sagt Ai. Ihm geht es um die Konfrontation der Kulturen und der Gegenwartskunst mit dem einfachen Leben. Und er wolle die Welten miteinander bekannt machen. „Die meisten Chinesen haben nie die Chance, einmal nach Europa zu kommen. Ja viele haben ja noch nie im Leben ihren Heimatort verlassen.“ Als er auf seiner Internetseite nach Kassel einlud, hätten sich rasch mehr als 3000 Menschen beworben. Die Kosten, gut drei Millionen Euro, übernahm ein Schweizer Sponsor.

„Little privacy“, nuschelt Ai

...bisweilen von außen neugierig beäugt...

...bisweilen von außen neugierig beäugt...

Ai ist einer der Avantgardisten der chinesischen Avantgarde. Bald nach seiner Geburt wurde sein Vater - einer der populärsten Dichter des Landes - „in die entfernteste Ecke Chinas, die man sich vorstellen kann“ verbannt. In den Achtzigern ging Ai in die Vereinigten Staaten, kehrte aber nach zwölf Jahren zurück. In Peking arbeitet er auch als Architekt und hat zum Beispiel das Olympiastadion mitentworfen. Zur Politik will er sich aber nicht äußern. „Das machen wir mal privat“, sagt er. Schließlich sei er Künstler, nicht Politiker und wolle Fragen stellen, nicht Antworten geben.

Den Bewerbern stellte er 99 Fragen über Deutschland, Politik und Geschichte, Fantasie und Glück. Dann wählte er 1001 aus, aus 20 der 22 Provinzen, aus allen Schichten: Lehrer und Verkehrspolizisten, Studenten und Handwerker. Selbst Menschen vom Bergvolk der Dong aus Guangxi in Südchina sind dabei. Ein paar der Dong-Frauen mussten für den Pass-Antrag sogar erstmals einen eigenen Namen wählen, weil sie nur nach ihren Ehemännern oder Söhnen benannt waren.

Jetzt sitzen die ersten 200 Besucher in einer alten VW-Fabrik in Kassel. Die Hallen, unten die Männer, oben die Frauen, sind mit weißen Stoffbahnen unterteilt und sehen aus wie ein Lazarett. In den kleinen Abteilungen stehen links und rechts je fünf Betten aneinander, zwischen den beiden Reihen ein schmaler Tisch mit ein paar Äpfeln, Wasserflaschen und Zeitungen. „Deutschland“ steht auf einer der Zeitungen, Rügen und Dresden sind drauf, der Rest ist Chinesisch. Für Privates ist nicht viel Raum - und das ist wörtlich gemeint: An den Ecken ist mit den Stoffbahnen ein Räumchen abgeteilt, kleiner als jede Telefonzelle. Darin ein Stuhl mit einer Leselampe an der Lehne. „Little privacy“, nuschelt Ai.

Erbarmungslos Kameras draufgehalten

Doch alles Private ist weg, wenn 100 Journalisten einfallen, um die Chinesen, ob sie wollen oder nicht, zu befragen. Erbarmungslos werden die Vorhänge aufgezogen und die Kameras draufgehalten. „Naja, wir sind jetzt wohl ein Kunstwerk“, sagt Gong Tran aus Peking. Aber sie störe es nicht, dafür sei die Situation viel zu interessant. Und Deutschland wollte sie sowieso schon immer mal sehen. Ihre Freundin Li Yu sagt sogar, sie sei „glücklich, ein Kunstwerk“ zu sein. „Wer kann das schon von sich sagen“, sagt die junge Frau lachend. Warum beide von Ai eingeladen wurden, wisse sie nicht. „Aber egal, wir wollen erst einmal ein bisschen durch die Läden und dann: documenta“.

Von Kassel sind die Chinesen begeistert, auch Ai, der einen ersten Besuch in wenig guter Erinnerung hat. „Aber die Leute sprechen uns an, fragen, wollen Hände schütteln. Das ist toll.“ „Echte“ Touristen aus Asien berichten sogar, sie seien begeistert angesprochen worden, ob sie „Weiwei-Chinesen“ seien. Für Ai ist das Experiment deshalb schon geglückt. Zumindest fast, eigentlich wollte er für seine Gäste etwas kochen, erklärt er den Journalisten. „Aber ich habe zu viel mit Euch zu tun.“

Text: FAZ.NET mit dpa/lhe
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

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