13. August 2007 Sein Hobby ist sein Beruf. Das hat er gerade wieder bewiesen. Hans-Dieter Maienschein hat sich erlaubt, zehn Tage Urlaub zu machen. Und wo war er? In Verona, um sich von Puccinis La Bohème“ inspirieren zu lassen. Natürlich ist er mit seiner Frau, der Schauspielerin Renate Gärtner, auch noch ans Meer gefahren, an die toskanische Küste, und in die Berge der urwüchsigen Maremma. Aber nicht ohne seinen Arbeitskoffer, in dem er wie üblich einen Haufen Papier mit sich schleppte: einen Märchentext etwa wie Schneeweißchen und Rosenrot“, den er für eine musikalische Erstaufführung am 10. November dramatisch bearbeitet. Ich lebe und sterbe für dieses Theater“, seufzt der Intendant zwischen kreativer Seligkeit und bürokratischer Überlastung. Und nun bereitet er auch noch seine Jubiläumsspielzeit vor.
Das Papageno-Musiktheater wird zehn Jahre alt. Der Zoo hat ein Theater, warum sollte der Palmengarten nicht auch eins haben“, dachte Maienschein, als er des Reisens müde war. Fast 15 Jahre lang war er mit seinem Kindertheater durch Europa gezogen. Mittlerweile selbst Vater eines Kleinkindes, sehnte er sich nach einem festen Haus. Zuerst liebäugelte er mit einem Zelt am Mainufer. Aber dort drohte immer wieder das Hochwasser. So wandte er sich an Matthias Jenny, und der Direktor des Palmengartens überließ ihm tatsächlich den Siesmayer-Saal in seinem Eingangsschauhaus. Hier trat Maienschein im Herbst 1998 zum ersten Mal als Mozarts Vogelfänger in der Kleinen Zauberflöte“ auf. Nach dem lustigen Gesellen im bunten Gefieder nannte er sein Musiktheater im Palmengarten.
Theater für Kinder gebaut
Doch im Siesmayer-Saal war es nicht nur eng. Da der Raum auch für hauseigene botanische Vorträge genutzt wird, musste die Papageno-Truppe ihr Bühnenbild immer wieder auf- und abbauen. Das war auf Dauer zu mühsam. Dennoch konnte Maienschein hier noch Humperdincks Hänsel und Gretel“ mit Live-Musik aufführen. Als der Kinderspielplatz südlich des Palmengartenweihers abgerissen wurde, durfte der Prinzipal dort hinter dem Palmenhaus ein Zirkuszelt aufschlagen. Im März 1999 eröffnete er seine neue Spielstätte mit einer Bearbeitung der Märchenoper Rusalka“. Auch Oliver Twist“, Die kleine Hexe“, Der kleine Muck“ und Cinderella“ fanden hier Obdach. Bis das luftige Domizil im Sommer 2002 unter einem heftigen Regen zusammenbrach. Fünf Jahre ist das her, das Ensemble stand vor dem Ruin.
Sportreporter Dieter Kürten wusste Rat. Schließlich gehörte seine Tochter Dina zu den Gründungsmitgliedern des Theaters. Er bat Dietmar Hopp, Mitbegründer der SAP, um Hilfe. Dank der Dietmar-Hopp-Stiftung konnte Maienschein schon im Januar 2003 am selben Ort ein stabiles, wenn auch jederzeit demontierbares Theaterhaus eröffnen. Wie eine schlummernde Raupe duckt sich die stählerne Bogenkonstruktion mit seiner grünen lichtundurchlässigen Membran unter das Laubdach des Palmengartens. Die Berliner Architektin Felicitas Mossmann hat damit ein Theater für Kinder gebaut: Auf den 199 Plätzen der steil ansteigenden Tribüne können die Kleinen über die Großen hinwegschauen, und in den Toiletten brauchen sie am Waschbecken nicht einmal auf den Zehen zu stehen.
Fast 90 Rollen hat er mittlerweile gespielt
Für Maienschein gibt es nichts Schöneres als leuchtende Kinderaugen“. 1958 in Frankfurt-Riederwald geboren, zog er schon als Achtjähriger mit dem Bollerwagen von Kindergarten zu Kindergarten, um die noch Kleineren mit selbsterfundenen Theaterstückchen zu unterhalten. Mit neun verfiel er der Oper, als er Humperdincks Abendsegen“ im Radio hörte. Was war schon das Theater in der Ernst-Reuter-Schule gegen die Oper Hänsel und Gretel“, mit der er in den Städtischen Bühnen Bekanntschaft machte! Dann lernte er Mozart kennen und verliebte sich schließlich in die italienische Oper, vor allem in die Musik von Puccini. Ein Heldentenor ist zwar nicht aus ihm geworden, aber die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst hat ihn zu einem Schauspieler ausgebildet, der seinen Rigoletto und Gianni Schicchi auch rezitativisch besteht. Fast 90 Rollen hat er mittlerweile gespielt und steht auch weiterhin in seinen Inszenierungen auf der Bühne.
Ohne Musik geht bei Maienschein gar nichts. Er will seine kleinen und großen Gäste fesseln, indem er die Stimmungen eines Schauspiels, einer Oper, eines dramatisierten Märchens oder eines anderen Prosatextes mit Musik unterlegt. Für Die Schneekönigin“, sein erstes Stück auf Tournee, hatte er Griegs Musik noch von Band spielen lassen. Mittlerweile engagiert er für die Kindervorstellungen am Nachmittag zwei Musiker, die etwa Shakespeares Sommernachtstraum“ nach Purcells Komposition am Klavier und mit Violine begleiteten, und für die Erwachsenen am Samstagabend noch einen Cellisten dazu.
Mittlerweile ist er nicht nur mit gewesenen Opernstars, sondern auch mit werdenden im Gespräch. Ihnen will Maienschein von dieser Jubiläumsspielzeit an ein Forum bieten. Am 2. September um 11 Uhr eröffnen Christine Eklund (Sopran) und Monika Jans-Hartmann (Mezzo) die Reihe Matinée Musicale“ mit Liedern von Sibelius, Grieg, Schumann und Strauss.
Bisher 450.000 Zuschauer begrüßt
Mit Sugar“, einer Musicalversion des Billy-Wilder-Films Manche mögen’s heiß“, hatte Maienschein vor viereinhalb Jahren seine dritte Spielstätte im Palmengarten eröffnet – ein großer Erfolg. Seitdem versucht er auch die Eltern seiner jungen Besucher zu ködern, und andere Erwachsene, die von avantgardistischen Inszenierungen nichts wissen wollen oder keine Lust haben, vor dem Opernbesuch einen Führer zu konsultieren. Er will keine große Oper bieten, sondern den Opernstoff auf das Wesentliche fokussieren und die schönsten Musikstücke mit Profis darbieten. Sein Konzept gibt ihm recht. Etwa 450.000 Zuschauer haben sein Theater in den vergangenen zehn Jahren besucht. Allein in der vorigen Spielzeit waren die Kindervorstellungen zwischen 90 und 95 Prozent ausgelastet, und die Erwachsenen lassen sich auch nicht mehr zweimal bitten.
Wenn das Theater bis Ende 2008 einen eigenen Eingang bekommt und das neue Parkhaus vor der Tür fertig ist, wird es vielleicht bald wieder eng. Doch der Zuschauerraum lässt sich nicht mehr vergrößern, ohne seine Intimität einzubüßen. Allenfalls das Foyer könnte erweitert werden. Die Stadt weiß, was sie an diesem Theater hat. Nicht zufällig hat Kulturdezernent Felix Semmelroth den Etat für die Papageni“ auf 45 000 Euro erhöht. Das Land Hessen beteiligt sich produktionsbezogen, im Verein Sternenzelt“ haben sich Freunde und Förderer des Papageno-Theaterhimmels zusammengefunden. Maienschein ist glücklich und stolz über die Anerkennung. Da aber eine einzige sparsame Produktion bis zu 30 000 Euro kostet, zu schweigen von den Personalkosten für sieben Schauspieler, reicht es dennoch hinten und vorn nicht. Zum ersten Mal nach zehn Jahren erhöht der Intendant jetzt die Eintrittspreise: um 50 Cent.
Am 24. August um 19.30 Uhr eröffnet Maienschein offiziell seine Jubiläumsspielzeit mit einer Neuinszenierung von Manche mögen’s heiß“. Aber so richtig gefeiert wird erst im kommenden Jahr: am 13. und 14. Juni. Seinem Lieblingskomponisten erweist der Intendant Reverenz mit zwei konzertanten Aufführungen von Tosca“ am 21. und 28. September, um das Puccini-Jahr einzuleiten. Schon im Februar soll Sopranistin Elena Pankratova, die Frankfurter Tosca, Arien von Puccini singen.
Vom 16. bis 19. August wird im Papageno-Theater, Palmengarten, jeweils um 16 Uhr Die kleine Zauberflöte gegeben. Saisoneröffnung am 24. August um 19.30 Uhr mit Manche mögen's heiß. Informationen unter der Telefonnummer 0 69/ 51 50 38 oder unter der Internetadresse www.papageno-theater.de.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Daniel Pilar