Von Michael Köhler
18. März 2007 Werbung im Fernsehen lässt sich wenigstens abschalten. Das funktioniert in der erstaunlich spärlich besetzten Frankfurter Festhalle aber nicht. Statt eines Vorprogramms spult immer wieder der gleiche Spot auf zwei rechts und links hoch über der Bühne installierten Projektionsflächen ab. Ein in Amerika binnen weniger Wochen zum meistverkauften Duft avanciertes Parfüm Diddys namens Unforgivable“, beworben mit dem überflüssigen Slogan Life without passion is unforgivable“.
Mit unverzeihlich selbstbeweihräuchernden Extravaganzen wusste Herr Diddy ja schon bei seinem vorigen Gastspiel in gleicher Lokalität zu überzeugen. In die Alte Welt hat er sich diesmal nicht allein gewagt. Im Schlepptau befindet sich ausgerechnet einer seiner größten geschäftlichen Widersacher aus der Vergangenheit: Snoop Dogg.
Großmannssucht ist der Entspannung gewichen
Ein gemischtes Doppel, das Staunen macht. Auf der einen Seite der clevere Rap-Mogul P. Diddy von der Ostküste. Ein umtriebiger Geschäftsmann Marke neureich, Besitzer eines Modelabels, Autofelgenhandels, einer Filmproduktion, Restaurantkette und Kosmetikmarke. Geld und Ruhm erlangte der Ex-Verlobte von Jennifer Lopez, dessen bürgerlicher Name Sean Combs lautet, vor rund zehn Jahren unter dem Pseudonym Puff Daddy, als er den ungeklärten gewaltsamen Tod seines Zöglings Notorious B.I.G. im dreisten Kommerzakt ausbeutete. Immerhin gelten sein Album No Way Out“ sowie die Ode auf den Toten, I’ll Be Missing You“, in der Hip-Hop-Statistik als erfolgreichste überhaupt.
Auf der anderen Seite der ewige Querulant von der Westküste. Typ ellenlang, hager und von nicht zu unterschätzender Hinterhältigkeit. Calvin Broadus alias Snoop Dogg präsentiert sich gern als notorischer Dauerkiffer, bekennender Porno-Produzent und ist ebenfalls in Sachen Textilimperium unterwegs. Seine regelmäßigen Verhaftungen wegen Verstößen gegen das Betäubungmittel- oder Waffengesetz sind vorhersehbar, wie der Tour-Auftakt in Schweden Anfang voriger Woche bestätigte. Als Miterfinder des Genres Gangsta Rap überlebte er nicht nur manch mörderisches Scharmützel in den neunziger Jahren, sondern gilt seit einem überraschenden Comeback wieder als Branchenriese.
Die penetrante Großmannssucht goldüberfrachteter Hitzköpfe von einst jedenfalls ist einer fast schon beunruhigend wirkenden Entspanntheit gewichen. Brüderlich teilen sich die ehemaligen Kontrahenten das opulent auf zwei Stockwerke angelegte Bühnenambiente, geben sich abwechslungsreich im Halbstundentakt das Mikrofon in die Hand, treten erst kurz vor dem kitschigen Finale mit Peace-Zeichen zu Fotos der toten Lady Di, von Aaliyah und James Brown im Duo an. Der launige Programmablauf soll wohl an die Gepflogenheiten von Frank Sinatra, Dean Martin und Co. erinnern, die neben Ausschnitten aus Hollywood-Klassikern wie Scarface“, Der Pate“ sowie Bonnie & Clyde“ im rasanten Megaclipmix über Leinwände flimmern. Der Möchtegern-Vergleich mit dem legendären Rat Pack hinkt ohnehin.
Isch liebbe eusch alle
P. Diddy übt sich gern in Superstar-Posen, auch wenn das bisschen Ausstrahlung vom Flitteremblem seines XL-T-Shirts aus hauseigener Modelinie locker überstrahlt wird. Doch von großspurigen Selbstinszenierungen würde er besser die Finger lassen. Der chronische Mangel an Präsenz, Dramaturgie, Choreographie und vokalistischen Qualitäten, die ausschließlich nur im High-Tech-Studio erblühen, verpassen dem Unternehmer eine fast schon tragische Aura. Ewiggleiche Reminiszenzen an die verstorbenen Notorious B.I.G. und Tupac Shakur helfen ebenso wenig aus dem Dilemma wie das einmal zu oft ausgesprochene Isch liebbe eusch alle“, permanent ans Publikum gerichtete Yo!-Animierungen oder drei aus der Menge auf die Bühne beförderte Kids.
Da zeigt sich Snoop Dogg von ganz anderem Kaliber. In einer Art Strampleranzug mit Kette betritt der Hüne langsamen Schrittes die Bühne und groovt sich selbstsicher hypnotisch durch einen in die Beine gehenden Hit-Querschnitt. Zumindest verdient er es, Künstler genannt zu werden, beweist in eher statuenhafter Eleganz permanent Einsatz, unter der Haut brodelnde Leidenschaft und erweckt nicht den Eindruck, als kämen sämtliche Vokalbeiträge aus digitaler Konserve. Snoops Rap-Einlagen beeindrucken, auch wenn seine geschmeidige Stimme den ein oder anderen lasziv-derben Vers wie I Wanna Fuck You“ murmelt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Kaufhold
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