Kunst

Nachrichten vom verknoteten Leben

Von Konstanze Crüwell

29. Februar 2008 Wie stark die gefühlte und die reale Zeit voneinander abweichen können, hat wohl jeder schon erlebt. Kein Wunder also, wenn die Zeit, als „sonderbar Ding“ im Rosenkavalier besungen, auch in der bildenden Kunst eine Rolle spielt, wie sich in der ersten Ausstellung der neuen Kunsthalle Mainz am alten Zollhafen zeigt, die von Samstag, 1. März, an fürs Publikum geöffnet ist. Sie befindet sich im Kesselhaus von 1887, das innen vorbildlich umgebaut wurde und als schicken Akzent einen schiefen grünen Turm erhielt.

In diesen attraktiven Räumen präsentiert Kunsthallendirektorin Natalie de Ligt unter dem hübsch vielsagenden Titel „Alle Zeit der Welt“ Werke von zehn Künstlern. Langzeitprojekte sind es oder sogar Lebensprojekte. Bewundernd, möglicherweise auch eher etwas ratlos wird mancher Besucher vor der Arbeit „Seidenstück II“ von Jens Risch stehen: Der 1973 geborene, in Berlin lebende Künstler beschäftigt sich täglich mehrere Stunden damit, in einen 1000 Meter langen Seidenfaden einen Knoten an den anderen zu setzen und diese mühsame Arbeit so lange zu wiederholen, bis nach mehreren Jahren ein dichter Klumpen entstanden ist. Das hier präsentierten Exemplar verknoteter Lebenszeit beschäftigt ihn seit 2002. „Seidenstück I“ ist im Museum für Moderne Kunst in der Nachbarschaft zu On Kawaras Datumsbildern ausgestellt.

Chronist der DDR-Kulturgeschichte

Wie die Zeit leider unaufhaltsam verrinnt, bringt uns der amerikanischen Fotograf Nicholas Nixon mit seiner bekannten Serie „The Brown Sisters“ jedoch sehr viel näher. Seit 1975 fotografiert er jedes Jahr die vier – immer gleich nebeneinander aufgereihte – Schwestern und dokumentiert auf faszinierende Weise den Wandel der vierfachen Mädchenblüte zu vitalen und reizvollen Frauen und schließlich zu Greisinnen – die bei allen – in ihren Physiognomien – sichtbaren Spuren gelebten Lebens immer noch sehr anziehend wirken.

Die schwarzweißen Familienporträts von Christian Borchert (1942 bis 2000) sind – wenn auch unter anderen Prämissen – ähnlich aufschlussreich wie Nixons Schwestern und vermitteln wie jene die lohnendsten Eindrücke der Ausstellung. Denn Borchert, der vor allem in Ostdeutschland bekannte Fotograf und anteilnehmende Chronist der Kultur- und Sozialgeschichte in der untergegangen DDR, interessiert sich ebenso wie sein amerikanischer Kollege für das Phänomen menschlichen Wandels.

Als er die ostdeutschen Familien in ihrem Zuhause im Abstand von zehn Jahren zweimal aufnahm, um 1984 und um 1994, ging es ihm aber weniger um die Alterungsprozesse dieser Menschen als um die Frage, ob in deren Dasein die Wiedervereinigung sichtbare Spuren hinterlassen hat: Billy-Regale von Ikea statt der Schrankwand aus kaukasisch Birnbaum geflammt etwa? Wie kaum anders zu erwarten, sind die Veränderungen mal größer, mal kleiner, bei Familie S. (Vater Literaturhistoriker und Mutter Verlagslektorin) ist es eigentlich nur das Pink-Floyd-T-Shirt des Sohnes, das auf die historischen Wende verweist.

16 Minuten „Lindenstraße“

Angela Fensch arbeitet nach dem gleichen Prinzip. Sie zeigt in der ersten Halle mit „Progress“ Aufnahmen von Jugendlichen aus der Uckermark in den Jahre 1996 und 2008, und im Turm Fotografien von Müttern und Kindern, die sie 1989 und 2005 aufgenommen hat. Hier fällt auf, dass die meist sehr attraktiven Frauen den Eindruck vermitteln, als ob sie sich große Mühe gäben, vor allem selbstbestimmt, keinesfalls aber „mütterlich“ zu wirken. Ganz entspannt hingegen liegt eine nackte junge Mutter mit Baby am Seerosenteich, ein romantisches, wenn auch nicht kitschfreies Bild.

„Installationview“ nennen die Künstler Michael Franz und Tobias Tragl ihre sehr spezielle Serie von Fotografien. Denn was sie auf ihren makellosen Farbaufnahmen zeigen, sind im Wortsinne von ihnen kunstvoll gebaute Installationen, die ziemlich mühelose Assoziationen zu Gemälden von Baselitz oder Mondrian ermöglichten, wenn sie nur etwas eindeutiger wären. Und im Turm zeigt Michael Franz seine Version von „appropriation art“: Den 16 Minuten dauernden Zusammenschnitt von Szenen aus der Serie „Lindenstraße“, die vom Schicksal des scheiternden Künstlers Franz Schildknecht handeln, dessen nachgemalte Bilder an der Wand hängen.

Durchhaltevermögen hat Meike Dölp bewiesen, als sie in zwei Jahren alle 350 Rezepte aus dem Werk „Kochvergnügen wie noch nie“ nachkochte, dann die oft ziemlich missratenen Ergebnisse ihres Tuns fotografierte, in das Buch klebte und damit ein wenig appetitanregendes Werk von begrenztem Erkenntniswert schuf. Immerhin darf man auf Anfrage darin blättern, und das ist ganz lustig. Bemerkenswerter sind die Flugzeugobjekte aus Pappe von Hans-Jörg Georgi, und fast wie eine skulpturale Architektur mutet sein großformatiges „Sechsergeschoss“ an. Wie Claus Richter, der Künstler zwischen Fiktion und Realität, seine Grenzverschiebungen entwickelt, wird an seiner Studiensammlung sichtbar, die eine Fülle an sehenswertem Material bietet, früheste Kinderzeichnungen zum späteren Thema inklusive.

Die Ausstellung „Alle Zeit der Welt“ in der Kunsthalle Mainz, Am Alten Zollhafen, ist bis 18. Mai, Dienstag, Donnerstag, Freitag von 10 bis 17 Uhr, Mittwoch von 10 bis 21 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr , geöffnet.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 

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