Musik

„Wer kommt mit zu Mc Donalds?“

Von Michael Köhler

Der Rapper Nelly

Der Rapper Nelly

12. Juni 2005 Mit vehementer Ungeduld fordern spärliche 1500 Fans in Partylaune in der Frankfurter Jahrhunderthalle Höchst lautstark nach dem Objekt ihrer Begierde - doch das läßt, ganz Hip-Hop-Diva, auf sich warten. Angeheizt durch den phonstarken Einsatz eines DJs, will nicht nur die versprochene Fete einfach nicht steigen, sondern muß auch noch das strikte Alkoholverbot kollektiv verkraftet werden.

Als der in seiner Heimat, den Vereinigten Staaten, als Superstar postulierte Rapper Nelly schließlich mit Verspätung seiner Profession als Entertainer nachkommt, blitzen zwar wie in Reihe geschaltet zahllose Fotohandys, aber es macht sich schon nach relativ kurzer Zeit bei nicht wenigen Enttäuschung breit.

Kluncker um den Hals

Herausgeputzt in gefährlich weit unter dem Bauchnabel sitzende Hosen, ein hautenges Muskelshirt und hochkarätige Klunker um Hals, Handgelenk und Hüfte, stakst Nelly samt vier Begleitern etwas ungelenk eine High-Tech-Showtreppe herunter und bekundet vollmundig, ein „Big Boy“ zu sein. Rechts und links der Stufen flackern auf überdimensionalen Digitalbildschirmen Kurzfilm-Einspieler in Videoclip-Ästhetik, die die Songs untermalen.

Seit seinem Debüt „Country Grammar“ im Jahr 2000 ist Nelly vielfacher Platinplattenmillionär, der weiß, was er sich und seinem kostbaren Ruf schuldig ist. Sprichwörtlich läßt er die Puppen tanzen - wenn auch nur in Form frappant schlecht choreographierter Aerobiceinlagen von vier in Neongrün und Grellrosa spärlich bekleideten Hupfdohlen.

Frauenfeindlicher Sexismus

Daß das auf knappe 70 Minuten ohne Zugabe verteilte, stilistisch wenig variierende Repertoire in seiner formalen Struktur qualitativ erheblich schwankt, begründet sich schlicht in der Diskrepanz unterschiedlicher Ursprungsquellen: Während ein überwiegender Teil der musikalisch zwischen balladeskem Rhythm 'n' Blues und mildem Hip-Hop-Stakkato angelegten Berieselung vorwiegend aus der Konserve stammt, lassen die Versuche Nellys und seiner Gespielen Ali, City Spud, Kyjuan und Murphy Lee, einen halbwegs mehrstimmigen Beitrag zu erzielen, öfter zu wünschen übrig.

Den sozialen Aufsteiger aus Saint Louis ficht sein künstlerisch recht mittelmäßiges Gebaren, untermalt von zum Teil haarsträubenden Inhalten - unverhohlen frauenfeindlicher Sexismus und Wertschätzung alles Materiellen -, indes nicht an.

Leichtgeschürzte Amazonen

Lässig steigt er ins Auditorium, schüttelt Hände, zeigt stolz sein Goldzähnelächeln, schäkert mit seinen überwiegend weiblichen Fans, darunter auffallend viele Minderjährige, denen es sichtlich Spaß bereitet, exakt so auszusehen und sich zu benehmen wie die allseits zu allem Fleischlichen bereiten, leichtgeschürzten Amazonen aus den Videoclips ihres Idols. Einigen wenigen ist gar das Glück vergönnt, auf der Bühne Tuchfühlung mit Cornell Haynes, wie Nelly bürgerlich heißt, aufzunehmen, um hernach, von Crewmitgliedern geleitet, beglückt hinter der Bühne verschwinden zu dürfen.

„Wer mag mit mir nach der Show noch zu McDonald's gehen?“ fragt der Rapper mit dem Zwang zu permanentem Hüftkreisen, der sich mittlerweile seines weißen Leibchens entledigt hat, gleich mehrmals. So kurz vor dem Finale kann es sich bei der wohl eher rhetorisch gemeinten Frage nur um einen Witz handeln. Doch das schon ausgedünnte Publikum versteht die Pointe: Nach Junkmusic soll es zur Belohnung Junkfood serviert bekommen.

Text: F.A.Z. / Rhein-Main-Zeitung vom 11. Juni 2005
Bildmaterial: dpa

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