Konzert

Rülpsen, Raunzen, Juchzen

01. August 2005 Groteske Szenen spielen sich im Frankfurter Dreikönigskeller ab. Auf der kleinen Bühne des berüchtigten Undergroundclubs tummeln sich die Rhein-Main-Lokalmatadoren Pornoheft. Ein bizarres Trio, das sich herkömmlichen Kategorisierungen auf recht drastische Weise zu entziehen versucht.

Einheitlich gehüllt in umgeschneiderte, mit bis tief über den Kopf gezogene weiße Spannbettücher, zelebriert das provokant benannte Ensemble Pornoheft ein chaotisches Tohuwabohu mit Faible zur dramatischen Ironisierung des geheiligten Punkethos: Wild splittert die infernalisch laute E-Gitarre wie ein Preßluftbohrer in meist drei, mitunter gar nur zwei Akkorden. Markerschütternd vibrieren Baßfiguren in der Magengrube, während ungestüm wie taktunwillig Trommelwirbel und Beckenschläge peitschen. Dazu artikulieren sich hinter Pseudonymen versteckend Schlagzeuger Fish Dipn sowie seine beiden an Baß und Gitarre gerne mal abwechselnden Kollegen Sif Dishes und Vink Sperber Unverständliches zwischen radikaler Agitation und künstlichem Aufruhr. Zelebrieren mit viel Liebe fürs Detail ein Kompaktseminar zum Thema: Wie werde ich zum vollendeten Proleten in knapp einer Stunde?

Nicht ohne Unterhaltungswert diese verquere Dada-Show im reichlich verballhornten, an Ernst Jandl und Georg-Kreissler erinnernden Nonsense- und Makaber-Jargon mit plakativen Nichtinhalten wie "Meine Oma liegt im Sarg", "Beitrittskandidat", "Kein Schraube" und "Kutter". Wer behauptet, Songs müssen eine sinnvolle Botschaft transportieren, sieht sich eines besseren belehrt. Rülpserisches Raunzen, vehementes Juchzen, hysterisches Kieksen und sybillinisches Lautmalen tun es schließlich auch. Dem geneigten Zuschauer obliegt derweil die knifflige Aufgabe, die Zeilen imaginär mit Sinn zu füllen - die erst kürzlich in Frankfurt zur Vernissage weilende Lennon-Witwe und Fluxus-Mitbegründerin Yoko Ono hätte vermutlich ihre wahre Freude daran.

Pornoheft hangeln sich eindringlich, schonungslos spielerisch und mit jenem Quentchen schwarzen Humors ausgestattet, den einst vor allem die Briten für sich beanspruchten, durch ein Repertoire aus monströsen Absurditäten und absurden Monstrositäten - ein geistiges Erbe, dem sich mehr oder minder auch schon hessische Rocklegenden wie Flatsch! und Hob Goblin verpflichtet fühlten. Wenig bis gar nicht subtil hingegen die viel zu hohen Dezibelwerte, die einen Tinnitus für kommende Stunden und Tage garantieren.

Doch auf körperliche Unversehrtheit mag im Taumel der Ereignisse eh niemand achten. Immerhin gestalten sich diese spontanen Ausflüge in die improvisierte Performance-Kleinkunst weitaus origineller und professioneller, als die ursprünglich als Hauptattraktion angekündigten, aus Domat an der Ems im schläfrigen Graubünden stammenden No Comez. Angesichts der unschlagbaren lokal etablierten Konkurrenz begnügt sich das Quartett wohlweislich auf eigenen Wunsch mit der Rolle des Anheizers. Zu rudimentär, zu wenig eigenständig klingt der Versuch der Eidgenossen, auf zum Teil verstimmten Instrumenten schrammelige Punk-Klischees möglichst aggressiv und laienhaft zu bedienen.

Michael Köhler

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