Schauspiel Frankfurt

Detektei Dior & Kafka

Von Florian Balke

19. März 2008 Zur Sinnsuche braucht es nicht viel. Zwei Schauspieler und ein eisernes Bettgestell reichen aus, um in der neuen „Nachtschwärmer“-Produktion des Schauspiels Frankfurt zu zeigen, dass der Mensch sich beim Überstehen des Daseins manchmal recht schwer tut. „Herr Ich und andere Absurditäten“ heißt der Abend, der vier Kammerstücke von Jean Tardieu zusammenfasst, und wer noch nie etwas gesehen hat vom 1903 geborenen und vor dreizehn Jahren gestorbenen französischen Lyriker und Dramatiker, der sollte sich Lilli-Hannah Hoepners Inszenierung unbedingt anschauen.

Die kleinen Einakter sind so frisch wie zur Zeit ihrer Uraufführung, atmen aber durchaus den Geist einer bestimmten Epoche. Von Diors Frankreich der fünfziger Jahre haben sie die Grazie, den Überfluss und das Spielerische. Tardieu kombiniert diese Züge mit letzten Spuren der aufregenden Dingkombinationen des Vorkriegssurrealismus. Ihn hatte er als Dichter in den dreißiger Jahren noch kennengelernt.

Seinsfragen des Nachkriegsexistentialismus

Während das Abendkleid einer Landadeligen auf diese Weise einen üppigen Unterrock aus fränkischen Würstchen aufweisen kann, steuert auch die strenge Daseinsbefragung des Nachkriegsexistentialismus ihren Teil zur Atmosphäre der Stücke bei. Es ist eine eher milde Variante des absurden Theaters, die Stefko Hanushevsky und Anne Müller da spielen. Die radikale Sinnabsage von Ionesco und anderen ist zwar da, kann bei Tardieu aber lyrisch, rhetorisch oder sogar amüsant verpackt werden. Von den Desillusionierungen, die die Welt für uns bereithält, von der Entdeckung, dass es sich bei dem, was uns mitreißt, nur um von anderen ins Werk gesetzte Mechanismen handelt, vom Schiffbruch des Einzelnen an der ungerührten Bosheit des Ganzen jedoch erzählt Tardieus Theater glasklar und zeitgenössisch.

Ein Mann sieht der Frau, die er begehrt, dabei zu, wie sie sich auszieht, und kann das Schöne, das er zu sehen bekommt, in einem furiosen Monolog gar nicht fassen. Die Enthüllung und Erfüllung des Ersehnten werden ihm schrecklich, die Angebetete scheint sich vor seinen Augen in ein Skelett zu verwandeln, das desillusionierender auch den Verlockungen von Baudelaires „Blumen des Bösen“ nicht hätte entsteigen können. Im zweiten Stück führt Privatdetektiv Dubois-Dupont das Publikum durch die intriganten, sich geradezu überschlagenden Ereignisse eines ländlichen Schlossballs, die mit ihrer Serialität und ihren Machinationen jede echte Empfindung verhöhnen.

Für das Schnelle, Chargierende und Outrierte dieses Stücks haben Müller und Hanushevsky genau das richtige Tempo, die erforderliche Präzision und den nötigen Aplomb. Ebenso gut gelingt ihnen die anrührend kafkaeske Atmosphäre des dritten Stücks, in dem ein Auskunftsuchender von einer wissenden Instanz mit seinen Fragen alleingelassen wird. Misslungen ist nur der letzte Teil, dessen traumverlorenes Schwanken zwischen Leben und Tod Hoepner und ihre Schauspieler nicht recht in den Griff bekommen. Hier bleibt es bei einem gestelzten Dialog rund um das Bettgestell. Aber das ist nur das schwache Ende eines ansonsten überzeugenden Abends.

Nächste Vorstellung am 28. April um 21 Uhr im Zwischendeck des Schauspiels Frankfurt.



Text: F.A.Z.

 
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