16. Mai 2008 In Frankfurt hat Annie Proulx eine Lesereise durch Deutschland und Frankreich begonnen. Die Autorin von Brokeback Mountain über Wüsten, Gärten, Häuser, Winter und andere Dinge.
Vor vielen Jahren haben Sie ein Buch über Apfelwein geschrieben. Wussten Sie, dass Frankfurt die Heimat eines sehr guten Apfelweins ist?
Ich hatte nicht die leiseste Ahnung. Es ist Jahre her, dass ich guten Apfelwein getrunken habe.
Zu den Störungen im Leben eines Schriftstellers gehören Lesereisen. Von denen halten Sie nicht viel, oder?
Ich habe so wenig Zeit zu Hause, dass man mich von dort wegzerren muss. Ich habe seit Jahren keine wirkliche Zeit zum Schreiben gehabt. Ich schreibe, wenn ich in meinem Garten arbeite. Auch beim Gehen – Gehen tut dem Schreiben gut.
Denken Sie dann über den Plot nach?
Auch über Sätze und Wörter. Vor allem beim Autofahren. Dort, wo ich in Wyoming lebe, muss ich lange Strecken zurücklegen. Ich fahre 100 Meilen, um Gemüse zu kaufen, weil der Gemüseladen in meiner Stadt so schrecklich ist – das reinste Gift. Deswegen habe ich auch einen Garten.
Früher sind Sie auf die Jagd gegangen und haben Häuser gebaut, Sie angeln noch immer. Weswegen lieben Sie das Handwerk?
Ich weiß es nicht. Ich mag Leute, die Dinge tun und sie gut erledigen. Ich mag Handwerkerstolz und das richtige Herstellen von Gegenständen. Das ist selten geworden. Daher fühle ich mich mehr denn je zu Leuten hingezogen, die etwas tun.
Sie haben gerade ein Buch über eine Gegend in Wyoming beendet, die man Red Desert nennt.
Das ist ein Projekt, das mich vier Jahre lang beschäftigt hat. Ein Freund bat mich um ein Vorwort für einen Bildband über die Gegend. Es ist ein Ort, über den ich nicht viel wusste, also ging ich in die Bibliothek der Universität von Wyoming, um alles über ihn zu lesen. Da merkte ich, dass es nichts gibt – nicht ein einziges Buch über eine Gegend von 6000 Quadratmeilen Größe. Also habe ich einen Freund gefragt, der die Gegend kannte. Am Schluss sind wir mit zwölf Wissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen immer wieder hingefahren – und es ist ein sehr unbequemer Ort. Im Dezember wird das Buch veröffentlicht. Die letzten Fahnen habe ich erst am Morgen vor meinem Abflug korrigiert.
Weswegen haben Sie so ein Faible für die Wildnis?
Eine komplizierte Frage. In der Red Desert wird Erdgas gefördert, obwohl dort viele gefährdete Tierarten leben. Nun erschüttern Laster den Boden, Straßen und Förderanlagen werden gebaut. Deswegen haben wir das Buch geschrieben. Aber was mich an der Wildnis anzieht, kann ich nicht erklären. Ich habe immer in ländlichen Gegenden gelebt, ich mag es, draußen zu sein, vor allem in den Bergen, aber warum ich es liebe, weiß ich nicht. Ich denke, es ist den Menschen angeboren.
Sie interessieren sich sehr für Orte und ihre Geschichte.
Für mich geht alles aus dem Ort hervor. Die Art, wie die Leute reden, was sie essen, womit sie sich beschäftigen, womit sie ihren Lebensunterhalt verdienen, was sie vom Sinn des Lebens halten. Ich interessiere mich sehr für Gesellschaften, die sich zu verändern beginnen oder die Palisaden bemannen und der Veränderung Widerstand leisten – wie Wyoming. Seit meiner Kindheit ist es eine große Frage für mich gewesen, wie es zu etwas gekommen ist. Wieso sind wir, wie wir sind? Solche Fragen haben mich als Kind regelrecht verfolgt.
Ihre Mutter, die Malerin Lois Gill, lehrte Sie genaues Beobachten.
Sie brachte uns allen das Malen und Zeichnen bei und war eine sehr gute Geschichtenerzählerin. Allem, worauf ich stieß, gab sie eine Stimme und eine Persönlichkeit. Wenn ein Schmetterling vorbeiflog, sprach er darüber, was er sah und woran er dachte. Uns vermittelte das die Idee einer sehr belebten Welt. Noch heute bekomme ich, wenn ich eine Landschaft zeichne, in zwanzig Minuten ein schärferes Gefühl für das, was da ist, als wenn ich Seite um Seite geschrieben hätte. Ich benutze Skizzen und Zeichnungen auch als Erinnerungshilfen.
Ihre Texte springen von Sparsamkeit zu Fülle, Ihre Sprache kennt verschiedene Register. Sehen Sie so auch die Welt?
Beim Schreiben von Romanen oder Short Stories schneidet man eine Menge aus dem Leben heraus. Eine Geschichte, die das wirkliche Leben enthielte, wäre enorm lang und enorm langweilig.
Im September kommt ein dritter Band mit Erzählungen aus Wyoming heraus. Angekündigt ist auch ein Buch namens Bird Cloud“. Worum geht es?
Es ist kein Roman, sondern eine Art Erinnerungsbuch. Geschrieben ist es noch nicht, aber es geht um die Renaturierung des übernutzten Graslands am North Platte River, auf dem mein neues Haus steht, mit einer 400 Fuß hohen Bergwand, in der alle möglichen Arten Falken und Adler leben. Das Haus ist fertig, aber ich kann dort nur für einen Teil des Jahres wohnen, weil die Winter sehr streng sind und ich dann weder hinein noch heraus komme. Das Haus liegt abgeschieden, mit tiefen Schneeverwehungen. In diesem Winter bin ich daher nach Santa Fe gezogen, wo einer meiner Söhne lebt. Wir haben uns das Apartment geteilt. Aber wir reden noch miteinander.
Die Fragen stellte Florian Balke.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Helmut Fricke
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