22. Oktober 2004 Hier wird so manchem aus der Seele gesprochen. "Diese Sprache ist besetzt, vom allerersten Wort bis jetzt", behauptet der leicht korpulente Sänger und Gitarrist Nino Skrotzki verschwörerisch zu lieblichem Gitarren-Pop, setzt ein verhärmtes "Weil wir Anfänger sind" hinterher, und schon liegen ihm und seinen drei Mitmusikern sämtliche Herzen des überwiegend weiblichen Publikums in der nahezu ausverkauften Frankfurter Batschkapp zu Füßen. Wer jetzt laut Schiebung ruft, hat vollkommen recht. Erst einen auf blasierten Intellektuellen machen, aber dann den weinerlichen Warmduscher raushängen lassen - der älteste Trick der Welt, wie sich auch noch der uninteressanteste Brillenträger mit Pickeln bei arglosen Mädchen tüchtig einzuschmeicheln versteht. Die Rechnung indes geht auf: Schon vor Ablauf der Jahresfrist gelten "Virginia Jetzt!" als die deutschen Pop-Aufsteiger 2004.
Es ist noch keine zwölf Monate her, da begnügte sich das Brandenburger Quartett mit Wohnsitz Berlin nicht nur im Rhein-Main-Gebiet mit einer Handvoll Fans in kleinen schwitzigen Rockclubs. Mit gewissem Sinn für Ironie fragte das 1999 gegründete Ensemble damals keck: "Wer hat Angst vor Virginia Jetzt?" Seither hat sich viel getan: Mia, Wir sind Helden, Silbermond oder Juli, um nur einige der eifrig von den multimedialen Gewalten als Neudeutsche Welle postulierten Musikerjungschar zu nennen, beglücken mehr oder minder talentiert die Republik.
Auch "Virginia Jetzt!" bleiben von diesen veränderten Vorzeichen nicht unbeeindruckt, kontern, obwohl mittlerweile selbst als Idole in bunten Jugendpostillen gefeiert, den gegenwärtigen Zustand mit bitterbösen Zeilen wie diesen: "Diese Zeit hat keinen Namen und keine echten Ideale" - und das schon von der ersten Minute an sich im Notenrausch befindliche Auditorium singt Wort für Wort lauthals mit. Doch wer mehr Subversivität und Wagemut erwartet hatte, sieht sich getäuscht.
In den kommenden anderthalb Stunden folgt die verklausulierte Anbiederung an den Kommerz, an massenkompatiblen Stadionpop mit Faible fürs Oberflächliche und Seichte. Da helfen, wie die wohlplazierten Auszüge aus dem aktuellen Album "Anfänger" beweisen, weder Querverweise auf den österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard noch die selbstbezichtigte Nähe zur Hamburger Schule und schon gar nicht biedere, ganz und gar schlecht interpretierte Abba-Medleys zur finalen Zugabe.
"Du mußt dahin, wo's weh tut. Dahin, wo es schmerzt. Und du mußt immer denken, du bist allein und wirst es immer sein", fordern "Virginia Jetzt!" ohne jeglichen Ansatz von Ironie, als wären sie gelehrige Schüler vom Marquis de Sade, um ja nicht in den miefigen Stallgeruch deutschen Schlagers zu kommen. Doch allein die Umkehr triefigen Herz-Schmerz-Allgemeinguts will nicht so recht funktionieren, tönt wie ein seltsam gequältes Echo der unsäglichen Kapelle Pur und ihres Bekenntnisses "Komm mit ins Abenteuerland, der Eintritt kostet den Verstand". Diesen Obolus haben ja schon so einige Deutsche entrichtet, wie das jüngst ausverkaufte zweitägige Gastspiel der Seelentröster aus dem Schwäbischen samt Orchester Auf Schalke eindrucksvoll unter Beweis stellte. Da zieht es die einst aus Eberswalde Ausgewanderten trotz aller demonstrativen jugendlichen Unbekümmertheit wohl auch hin?
Fast schon trotzig loben sie verquast-romantische Vorstellungen vom Tourneeleben, wie es längst jede Doku-Soap auf MTV widerlegt hat, kokettieren gleich mehrmals mit ihrem allzu unscheinbaren Äußeren, fabulieren vor Spießigkeit triefend über "Das ganz normale Leben", besingen scheinbar blauäugig "Liebeslieder", um letztlich doch feststellen zu müssen: "Wir haben keine Sorgen, wir haben nicht mal ein Problem." Zumindest heißt es so vielsagend in "Von Guten Eltern". Und das ist wahrscheinlich genau das, worum es eigentlich geht: Papi zahlt die Miete, Mami das Benzin, beide das Equipment, damit die Mittelstands-Kids, die einst sogar eine eigene Musik-Zeitschrift publizierten, dann bei diversen Plattenfirmen volontierten, Belanglosigkeiten nach Noten für Mittelstands-Kids machen dürfen. Die wahre Rebellion findet indes woanders statt. So nach allen Seiten abgesichert und ohne jede klitzekleine Berührungsangst vor Untiefen wird es als legitimer Nachfolger von Pur schon klappen. MICHAEL HIERHOLZER
