Rüsselsheimer Filmtage

Unbekümmerter Ausdruck

Von Jürgen Richter

20. Juni 2008 Der Kurzfilm verhält sich zum abendfüllenden ähnlich wie eine Skizze zum Gemälde. Hier gilt es, mit wenig erzählerischem Aufwand zur Aussage, zur Pointe zu finden. Das ist ohne Zweifel Jon Frickey und Till Penzek gelungen mit „Super Beck“, einer Animation von zweieinhalb Minuten, die im Stil eines Computerspiels den Zickzackkurs des SPD-Vorsitzenden von einem Level zum nächsten nachvollzieht und die Pannenserie des Superman aus der Pfalz mit ironischen Klingel- und Piepssignalen begleitet. Bei „Keine Angst vorm Atom“ bedient sich das Regieduo im Formenfundus des Lehrfilms und stellt die Argumente der Kraftwerkslobby mit infantilen und makabren Wendungen auf den Kopf. Das sind die Stoffe für eine Satire, wie sie den Reiz der Rüsselsheimer Kurzfilmtage ausmachen, die jetzt zum 15. Mal veranstaltet wurden. Ein Best of wird demnächst bei den Filmfestivals der Region zu sehen sein.

Zu den Rüsselsheimer Filmtagen gehört auch das Lokalkolorit, das gewichtige Kokettieren mit dem unspektakulären Schauplatz um die Ecke, und da haben Björn Aßmus, Sebastian Linda, Matthias Petermann und Frank Sauer mit „Ein Mal ein Meter“ ein Musterbeispiel an Heimatverbundenheit vorgelegt. 20 Minuten nehmen sie sich, um in der südlichen Rhein-Main-Region einen Quadratmeter nach dem Zufallsprinzip herauszusuchen und das absurde Projekt mit gehörigem Ernst und wissenschaftlichen Aplomb in Szene zu setzen.

Ein Blinder, ein Stummer, ein Ganove

Nicht ortsgebunden, aber jedem vertraut sind die Motive aus „Die Garage, also bin ich“ von Hanns-Marcus Müller und Jörg Rühenbeck, der den Aufbewahrungsort der Autos in verschiedensten Größen und Erscheinungsformen als sakralen Erlebnisraum vorstellt und die trivialen Kästen in eine Linie mit der Klarheit und Kargheit der romanischen Kathedralen einreiht. Die Satiriker sind gar nicht so weit weg von der Realität, in der der teilweise vollständige Verzicht auf Gestaltung in der modernen Architektur gern mit ebensolchen Schwärmereien legitimiert wird.

Andere Autoren setzen auch auf Spannung vor dem erlösenden Schluss wie Jan Thüring, der in „Drei Reisende“ eine Blinde, einen Stummen und einen Ganoven ohne Handicap in ein Bahnabteil zusammenbringt und die Potentiale des nonverbalen Ausdrucks demonstriert, oder auf Schadenfreude wie Steffen Weinert, der in „Der Aufreisser“ den Zynismus eines Frauenhelds mit kindlichem Witz mattsetzt. Wie die unterschiedlichen Stilmittel zu einer geistreichen Collage zusammengestellt werden können, davon geben Matthias Oppelt, Stefan Pohl und Jonas Kramer eine Probe mit „Die Anderen haben angefangen“, wenn sie den Nachbarschaftsstreit zwischen Mainz und Wiesbaden mit Realaufnahmen, animierten Puppen oder Zeitungsschnipseln illustrieren und mit kriegerischem Jargon begleiten.

Zuschauerfavorit: „Der Aufreisser“

Die kleine Talentschau der Nachwuchsfilmer erfreut vor allem mit unbekümmertem Ausdruck und manchen originellen Wendungen wie in „Null eins“, mit dem Fabian Kramer einen arbeitslosen Programmierer mit dem Ausweisungsbescheid seines indischen Nachfolgers zum Traumziel im fernen Osten bringt. In der Abstimmung entschieden sich die Zuschauer für „Der Aufreisser“, der mit seiner Geschichte eher als kurzer Langfilm anzusehen ist. Den zweiten Platz besetzt „Kleptomaniac“, die Groteske um einen Triebdieb beim schwierigen Versuch der Wiedergutmachung von Steffen Zacke. Mit dem dritten Platz für „Ein Mal ein Meter“ kamen die einzigen Hessen im Wettbewerb noch aufs Treppchen.



Text: F.A.Z.

 
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